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Die doppelte Geißel: Armutskrankheiten

20 Prozent der Bevölkerung Lateinamerikas – etwa 127 Millionen Menschen – können sich theoretisch Krankheiten zuziehen, die fast schon vergessen waren. Die Entwicklung von Impfstoffen ist für die großen internationalen Pharmakonzerne nicht lukrativ.

Malaria oder die Chagas-Krankheit galten in Lateinamerika eigentlich schon als überwunden. Wie die Panamerikanische Gesundheitsorganisation (spanische Abkürzung: OPS – ihr gehören auch die USA und Kanada an) jetzt auf einem internationalen Symposium in Buenos Aires erklärte, bestehe aber Gefahr für die ärmsten Teile der Bevölkerung. Dies sei auch der Grund, warum die Pharmakonzerne kein großes Interesse zeigten, genausowenig wie die Staaten. Die Tagung, an der mehr als 600 Biologen, Mediziner, Veterinäre und Anthropologen teilnahmen, appellierte daher an die lateinamerikanischen Regierungen, das Thema auf die Agenda ihrer Gesundheitspolitik zu setzen.

1.163 Dengue-Tote im Jahr 2010

In einem OPS-Bericht heißt es, paradoxerweise beträfen die „vergessenen“ Krankheiten potenziell mehr Menschen als die selten auftretenden Krankheiten. Dennoch werde von ihnen nicht gesprochen. Das Internationale Symposium zu vergessenen Krankheiten, das jährlich stattfindet, geht auf eine Initiative vor bereits 14 Jahren zurück. Das Interesse gilt zum Beispiel der Malaria, aber auch dem Dengue-Fieber, das 2010 in ganz Lateinamerika 1.163 Opfer kostete. In die Schlagzeilen geriet Dengue in den vergangenen Jahren infolge der Ausbreitung im brasilianischen Bundesstaat Rio de Janeiro.

Risikofaktor unsauberes Wasser

Über vergessene Krankheiten zu reden, heißt immer die soziale Komponente mitzudenken, an die Wurzeln des Problems zu gehen: Armut, bedenkliche Wohnverhältnisse, kein Zugang zu Trinkwasser. All dies traf auf den Ausbruch einer Dengue-Epidemie 2009 in den nordargentinischen Provinzen Chaco, Catamarca und Salta zu. Seinerzeit kam es nicht nur darauf an, die Menschen zu impfen, um eine weitere Ausbreitung der Krankheit zu verhindern. Wichtig waren auch begleitende Maßnahmen wie die Vermeidung stehenden Wassers in Gefäßen im Freien, um eine Vermehrung der Moskitos zu vereiteln. Ein schwieriges Unterfangen in ländlichen Regionen, wo Trinkwasser, ganz anders als in Städten, ein knappes Gut ist. Derzeit leiden allein in Argentinien 2,5 Millionen Menschen an der Chagas-Krankheit – bei einer Bevölkerung von 40 Millionen. Viel gesprochen wird über die Plage dennoch nicht.

Indigene und Wanderarbeiter besonders gefährdet

Das jährliche Symposium versammelt Forscher verschiedener Richtungen, um Fortschritte und neue Alternativen bei der Bekämpfung der vergessenen Krankheiten zu erörtern. Es dürfe keine Zugangshindernisse bei Diagnose und Behandlung geben – sei es aus sozialen Gründen, oder weil für Landbewohner geeignete Krankenhäuser weit entfernt sind. Der OPS zufolge zählen zu den Risikogruppen auch Wanderarbeiter und Indigene. Zudem liefen 26 Millionen lateinamerikanische Kinder im Schulalter Gefahr, sich eine beliebige Schmarotzerkrankheit durch Bodenkontakt zuzuziehen.

Autor: Rocío Magnani in Adital, deutsche Bearbeitung: Bernd Stößel, mit Informationen von latina press