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Die bekannte Unbekannte

Die Würfel sind scheinbar schon gefallen: Sollten die Prognosen stimmen, wird Dilma Rousseff bereits im ersten Wahlgang am Sonntag (3. Oktober) Brasiliens Präsidentin. Ihr Sieg wäre vor allem ein Triumph für ihren politischen Ziehvater, Staatspräsident Luiz Inacio Lula da Silva: Er hätte dann die 62-jährige Tochter eines bulgarischen Einwanderers und einer Brasilianerin aus dem Nichts ins höchste Staatsamt gehievt. Ohne je zuvor einen Wahlkampf geführt zu haben, könnte es die ehemalige Guerillakämpferin auf Anhieb an die Spitze Brasiliens schaffen.

Power-Point-Königin

Bereits beim ersten Treffen habe er gewusst, sie sei die Richtige, betont Lula stets. Kurz vor seinem Amtsantritt 2003 schlug Dilma, damals Energiesekretärin auf Landesebene, mit ihrem Laptop im Präsidentenpalast auf und erklärte dem verblüfften Lula, woran es den Energienetzen Brasiliens fehle. Der Präsident zögerte nicht lange und machte sie zur Ministerin für Energie und Bergbau. Die "Power-Point-Königin", wie die resolute Dame mit dem explosiven Temperament bald genannt wurde, hatte eine Aufgabe nach ihrem Geschmack gefunden. "Technokratisch" sei sie, lästerten viele, besessen vom Jonglieren mit Zahlen.

"Absolut geradlinig"

"Absolut geradlinig" sei sie schon immer gewesen, berichten Mitarbeiter. In den 60er Jahren schloss sich Dilma einer radikalen Stalinistengruppe an, die den bewaffneten Kampf gegen das Militärregime aufnahm. Sie wurde eingesperrt, gefoltert. Nach der Militärdiktatur half sie zunächst ihrem damaligen Mann beim Aufstieg in die Landespolitik; kurz darauf begann sie ihre eigene Karriere. Erst 2001 trat sie in Lulas Arbeiterpartei PT (Partido dos Trabalhadores) ein, ohne die Absicht einer Parteikarriere. So kam ihre Berufung zur Ministerin für viele sehr überraschend. Dilmas große Stunde schlug mit der "Mensalao"-Krise, die 2005 beinahe der gesamten Regierung ihr Mandat kostete. Ein Politiker der Regierungskoalition hatte gegenüber der Presse über ein Schmiergeld-Schema geplaudert, mit dessen Hilfe sich die Regierung die im Kongress fehlenden Stimmen kaufe. Im Regierungslager stürzte daraufhin eine Parteigröße nach der anderen.

Aufbau der Kandidatin

Dilma wurde Kanzleramtschefin, nun verantwortlich für die Umsetzung gigantischer Sozial- und Infrastrukturprogramme. Spätestens nach dem Sturz von Finanzminister Antonio Palocci, Lulas Wunschkandidat für seine Nachfolge, schien nur noch Dilma als mögliche Nachfolgerin übrig. Er baute seine Kandidatin nach und nach auf. Selbst als bekannt wurde, dass Dilma unter aggressivem Lymphdrüsenkrebs litt, hielt der Präsident an ihr fest und verordnete ihr einige Schönheitsoperationen, schicke Anzüge und dazu einen weichgespülten Diskurs.

Nachdem Dilma Anfang 2010 angeblich völlig geheilt wieder auf die politische Bühne getreten war, gab es auch in den Umfragen kein Halten mehr. Dabei profitierte sie von Lulas unglaublichen Beliebtheitswerten jenseits der 80 Prozent. Der Präsident wiederum ließ keine Gelegenheit aus, seine Kanzleramtschefin zu loben. Auf den Wahlkampfbühnen des Landes wurde zwar schnell klar, dass die Technokratin kein mit Lula vergleichbarer Meister des Wortes ist. "Doch vielleicht bekommen wir ja eine Präsidentin, die weniger redet und dafür mehr tut", unkt der Soziologe Demetrio Magnoli.

"Die Frau an Lulas Seite“

Doch wofür Dilma Rousseff tatsächlich steht, welche Politik sie als Präsidentin verfolgen wird und ob sie sich dann von Ex-Präsidenten Lula fernsteuern lässt, wie viele vermuten, steht in den Sternen. Brasilien kennt Dilma Rousseff nicht. Für Viele ist sie lediglich "die Frau an Lulas Seite". Das mag bereits Grund genug sein, ihr am Sonntag die Stimme zu geben. Solange alles so bleibt wie unter Lula, werden die meisten zufrieden sein.

Autor: Thomas Milz (KNA)