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Die Angst vor einem zweiten Brumadinho

Nach der Katastrophe, die über 100 Menschen das Leben kostete, fürchten Menschen andernorts in Brasilien, dass auch in ihrer Nähe eine Damm-Mauer brechen könnte. 

Bereits vor drei Jahren brach das Rückhaltebecken einer anderen Eisenerzmine in Minas Gerais und überflutete ein ganzes Dorf mit giftigem Schlamm. (Foto: privat)

Der Bundesstaat Minas Gerais ist seit der portugiesischen Kolonialzeit das Bergbauzentrum Brasiliens. Nach dem Bruch der Mauer eines mit Schlamm gefüllten Rückhaltebeckens in Brumadinho leben viele Menschen in Minas Gerais mit der Angst, das Ganze könnte sich wiederholen. In dem Bundesstaat im Südosten Brasiliens gibt es mehr als 50 solcher Staubecken. 

In der für ihre Kolonialarchitektur berühmten Stadt Congonhas leben rund 50.000 Menschen. Gut 5.000 von ihnen raubt die Vorstellung den Schlaf, dass die Mauer eines Staubeckens in ihrer Nähe bersten könnte. Denn sie leben fast direkt unterhalb. Betreiber der Mine Casa de Pedra ist das Unternehmen CSN Mineração - der zweitgrößte Eisenerzexporteur Brasiliens. Gegründet während der brasilianischen Militärdiktatur in den 1970er Jahren und unter der Regierung von Präsident Itamar Franco (1992 bis 1994) privatisiert. 

Behörde vergab höchste Risikostufe 

Die Bilder der Schlammlawine, die einen Teil von Brumadinho unter sich begrub, haben die Menschen traumatisiert. Die Befürchtungen der Bewohner von Congonhas waren aber auch schon vorher begründet. Die Bundesbehörde Agência Nacional de Águas (ANA) hat den Damm in die höchste Risikogruppe eingeteilt. Klasse 6 heißt das bürokratisch. Das Staubecken von Casa de Pedra kann fast 50 Millionen Kubikmeter speichern und ist damit eines der größten Becken, die in einem urbanen Raum liegen. Zum Vergleich: die Kapazität in Brumadinho betrug nur 12 Millionen Kubikmeter. In Congonhas würde also eine noch größere Katastrophe drohen. 

Maria Antônia Alves Siqueira, eine Anwohnerin, erzählt, die Menschen fänden keinen Schlaf mehr. Viele seien krank und müssten Beruhigungsmittel nehmen. Aber zur Ruhe findet nach Brumadinho erst recht niemand mehr. Das Staubecken sei wie ein schlummernder Vulkan, der jeden Moment ausbrechen könnte. Maria kann sich erinnern, dass da, wo jetzt das Staubecken ist, früher ein See zum Baden und Fischfang einlud. 

Finanzielle Entschädigung für seelische Belastung gefordert

Am 30. Januar, fünf Tage nach der Katastrophe von Brumadino, haben Anwohner und Aktivisten des Movimento dos Atingidos por Barragens (MAB) - eine Organisation der von Staubecken Betroffenen - dem Unternehmen CSN Mineração eine Liste mit Forderungen übergeben. Dem Aktivisten Cristiano Medina zufolge, habe das Unternehmen von Beginn an kein Interesse daran gezeigt, einen Dialog mit der Bevölkerung aufzunehmen. Dabei bestehe dringender Handlungsbedarf. Gefordert wird auch eine Entschädigung für moralische Schäden, die den permanent mit der Bedrohung lebenden Menschen zugefügt würden. Cristiano Medina spricht von einem psychosozialen Problem. 

Die Anwohner fordern von dem Bergbauunternehmen eine permanente Überwachung der Staumauer, sollte das Becken nicht komplett geleert werden, was natürlich der größte Wunsch ist. Bewegung zeichnet sich insofern ab, als die Präfektur von Congonhas mit der Unternehmensführung Verhandlungen aufgenommen hat. Júlio Bernardo, der einen Kilometer entfernt von der Staumauer wohnt, bringt die Stimmung der Menschen nach Brumadinho auf den Punkt: „Wer garantiert uns denn, dass wir nicht die Nächsten sind?“ Júlio kennt sich aus; Er hat zwölf Jahre für das Bergbauunternehmen Vale gearbeitet, das nach Brumadinho am Pranger steht. Im September 2018 entließ Vale ihn und zehn weitere Arbeiter. 

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