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Der Weg zum Buen Vivir verträgt keine Ordnungshüter

Aus der indigenen Kosmovision stammt das Konzept des "Sumak Kawsay", des "Guten Lebens". Es impliziert auch Rechte der Mutter Natur und gilt als alternatives Entwicklungsmodell nachhaltigen Wirtschaftens. Der ecuadorianische Ökonom, Politiker und Intellektuelle Alberto Acosta hat maßgeblich dafür gesorgt, dass dieses Konzept in der ecuadorianischen Verfassung verankert ist. Wer aber definiert eigentlich, was das Buen Vivir ist?

Herr Acosta, mir erscheint, dass wir hier in Deutschland das Konzept des "Buen Vivir" oft wie eine Schachtel behandeln, in die wir alle antikapitalistischen Wünsche und Träume hineinpacken. Vielleicht auch solche, die dort nicht hineingehören. Was sagen Sie zu dieser Metapher?

Mir erscheint diese Metapher ausgesprochen zutreffend. Wir haben schon immer unsere Wertsachen, unser Kleidung, unsere Lebensmittel in eine Schachtel gepackt, wenn wir von einem Ort zu einem anderen gewechselt sind. Wir bewahren Dinge dort auf und wir schützen sie dadurch. In der Schachtel befindet sich das, was wir in den Händen halten.

Wir haben eine Schachtel, in der wir eine Reihe von Vorschlägen, Möglichkeiten und Optionen gesammelt haben.

Und wie sähe diese Schachtel dann aus?

Sie ist nicht ganz voll und nicht völlig leer. Vieles haben wir dort bereits hineingetan, aber noch ist nicht alles da. Vielleicht können wir die Schachtel auch nie richtig füllen. Dadurch wird diese Schachtel auch sehr interessant. Die Frage ist: Wie füllen wir diese bereits halbvolle Schachtel weiter, was tun wir da hinein und wer tut dies? Das Risiko ist, dass die halbvolle Schachtel von außen mit Dingen gefüllt wird, die nicht zu dem passen, was bereits drin ist. Man müsste zuerst danach schauen, was bereits drin ist.

Sie haben viele Jahre in Deutschland gelebt und kennen das Land sehr gut. Jetzt waren Sie auf dem Attac-Kongress „Jenseits des Wachstums“. Was ist Ihr Eindruck, was wir hier hinein tun, vielleicht auch im Unterschied zu Lateinamerika?

Zu Deutschland kann ich nichts sagen, aber zu Lateinamerika und vor allem zu den Andenstaaten. Wenn wir vom Buen Vivir sprechen, dann meinen wir vor allem die akkumulierte Geschichte der indigenen Völker, und vor allem der Völker Amazoniens und der Andenregion. Das sind profunde kultur-philosophische Fundamente von bereits sehr lange bestehenden Gesellschaften, die gegen mehr als 500 Jahre Unterdrückung Widerstand leisten mussten: Von der Eroberung über die Kolonialisierung bis zu den Republiken, inklusive der neokolonialen Momente, die sehr komplex und verschieden sind. Das heißt, in dieser Schachtel findet sich zuallererst die indigene Kosmovision - oder besser: die indigenen Kosmovisionen. Das ist die grundlegende Perspektive, die aber diese Schachtel noch nicht füllt. Aber man darf die indigenen Perspektiven auch nicht unkritisch übernehmen.

Es wäre ein großer Fehler, das Leben in den indigenen Gemeinschaften zu idealisieren und zu denken, das was dort gelebt wird, ist bereits das Buen Vivir. Es gibt dort viel davon, aber wir dürfen nicht vergessen, dass diese Gemeinschaften für Jahrhunderte unter der kapitalistischen Logik der Akkumulation leben mussten, die Eroberung, Kolonialisierung, Ausbeutung, Ressourcenabbau und die völlige Vorherrschaft des Marktes bedeutete. Das heißt, in diesen Gemeinschaften gibt es die zerstörerischen Einflüsse anderer Logiken, die nicht unbedingt zum Buen Vivir gezählt werden.

Würden Sie dann sagen, dass Dinge, die wir in diese Schachtel tun wollen, zuvor "gereinigt" werden müssen?

Ich würde mir nicht anmaßen, das „Reinigung“ zu nennen. Und zwar aus einem Grund: Wer wäre denn befugt, diese Reinigung vorzunehmen? Bei einer archäologischen Ausgrabung wäre nur ein Experte in der Lage, wertvolle Funde von unwichtigen Bruchstücken zu trennen. Aber das Buen Vivir ist keine archäologische Ausgrabung, sondern eine soziale Konstruktion. Der Weg wird zeigen, was korrigiert werden muss.

Mir würde es überhaupt nicht gefallen, die Dinge, die in die Schachtel des Buen Vivir hinein sollen, vorher zu reinigen. Mit einer Vision, die nicht in erster Linie kollektiv ist, sondern von einer Gemeinschaft und die zum anderen nicht unbedingt selbst versteht, was in der Schachtel bereits enthalten ist. Es ist besser, zuviel zu haben, als dass uns später Dinge fehlen oder dass wir etwas aus dogmatischen Visionen heraus entfernen.

Ich denke, in einem Prozess des revolutionären Wandels ist kein Platz für politische Ordnungshüter irgendeiner Art.

Das Gespräch führte Bettina Hoyer