|

Der unterschwellige Rassismus in Lateinamerika

Universität UFBI (Brasilien): Schwester Elizete da Silva leitet ein Seminar zur Bewußtseinsbildung für Afro-Amerikaner
Universität UFBI (Brasilien): Schwester Elizete da Silva leitet ein Seminar zur Bewußtseinsbildung für Afro-Amerikaner

Unabhängig von der Ethnienzugehörigkeit, der Nationalität, der Religion oder der sexuellen Identität. Alle Menschen besitzen dieselbe Würde, die um keinen Preis verletzt werden darf.
Die Realität sieht anders aus: Die Welt ist bestimmt von Ideologien, die eine Hierarchie auf tatsächlichen oder zugeschriebenen Rassenunterschieden errichtet und eine systematische Benachteiligung zur Folge haben: Diskriminierung, Chancenungleichheit im sozialen Wettbewerb, mangelnde gleichberechtigte politische Teilhabe und ein begrenzter Zugang zu wirtschaftlichen Märkten und Geldmärkten.

In Lateinamerika und der Karibik leben Menschen aus aller Welt zusammen. Laut dem Human Development Report l50 Millionen Indigene und 120 Millionen Afroamerikaner. Letztere Ethnie entspricht einem Anteil von 23 Prozent an der Gesamtbevölkerung. Die Hälfte der brasilianischen Bevölkerung ist schwarz und 26 Prozent der kolumbianischen. In Ländern wie Costa Rica und Bolivien stellen die afrikanischstämmigen Einwohner jeweils eine Minderheit von drei bis vier Prozent dar.

Nach außen leben Weiße und Schwarze in perfekter Harmonie zusammen. Kratzt man an der äußeren Fassade, so tritt ein hässlicher Pakt zutage, den Mauricio Pestana, Herausgeber der einzigen brasilianischen Schwarzen-Zeitschrift „Raça Brasil“, folgendermaßen beschreibt: Der Weiße tue so, als diskriminiere er den Schwarzen nicht und der Schwarze tue so, als werde er nicht diskriminiert.
Sozialstatistiken verschiedener lateinamerikanischer Länder belegen aber, dass die dunkelhäutige Bevölkerung deutlich benachteiligt wird: Im Durchschnitt verdient sie nur halb so viel wie der weiße Anteil, der eine elitäre Oligarchie innerhalb der gesellschaftlichen Strukturen abbildet. Folglich herrscht die Armut unter den Schwarzen besonders stark vor: Viele können sich die Schulbildung ihrer Kinder nicht leisten, sie können nicht studieren. Können im Arbeitswettbewerb nicht bestehen. Ein Teufelskreis entsteht. Ohne Entkommen.

Die „Mentalidade escravagista“, wie die Sklavenhaltermentalität in Brasilien genannt wird, ist in vielen Ländern immer noch ein großes Problem. Wie auch die Vorurteile, Schwarze seien schlecht, faul, schmutzig und unzuverlässig. Nicht nur Armut und Arbeitslosigkeit bedrohen das Leben der dunkelhäutigen Bevölkerung, auch mangelnde medizinische Leistungen und notwendige Informationen zur Krankheitsprävention werden ihnen verwehrt. Unter Ärzten und Pflegern herrsche ein Ekel vor der schwarzen Haut, so Lucia Xavier von der regierungsunabhängigen Organisation „Criola“. Bei der Krebsvorsorge beispielsweise, würde ein Arzt deshalb niemals die Brust einer Frau abtasten.
In Kolumbien ist die Rate der Verschwundenen, Entführten und Getöteten bei den Schwarzen besonders hoch, während die Menschen afrikanischer Herkunft in Chile um die gleiche Anerkennung und Unterstützung kämpfen, die auch indigene Völker erhalten. Offiziell existieren sie aber gar nicht.

Die Intensität des Rassismus bewirkt, dass die Afroamerikaner sich für ihre dunkle Hautfarbe schämen, sie am liebsten abstreifen würden. Die Begriffe „melhorar a raça“ (die Rasse verbessern) und „blanqueamiento“ (Weißwerden) drücken die Sehnsucht nach der Gleichberechtigung aus: Diskriminierungen unter den Schwarzhäutigen sind keine Seltenheit, ebenso herrscht eine Bevorzugung hellhäutiger Personen bei der Wahl von Lebenspartnern, Freunden und Bekannten vor. Kinder werden mit Weißen gezeugt, um die Hautfarbe innerhalb der Familie aufzuhellen und den gesellschaftlichen Status somit anzuheben.

Häufig verkürzen falsche Ideologien die Sicht des Menschen und beanspruchen für sich ein Monopol an der Wahrheit. Indem ihnen geglaubt wird, werden Werte wie Gerechtigkeit, Solidarität und Freiheit verleugnet. Es ist die Pflicht eines Christen, solche Ideologien zu bekämpfen und jedem das Recht auf eine menschliche und zivile Kultur zu ermöglichen.
Die katholische Soziallehre betont, dass die menschliche Würde nur von der gesamten Menschheit gehütet und gestärkt werden kann. Nur durch ein einträchtiges Handeln von Menschen und Völkern, die aufrichtig am Wohl aller anderen interessiert sind, lässt sich eine weltumspannende Brüderlichkeit erreichen. Denn Not und Armut sind nicht nur das Leiden anderer. Sie betreffen uns alle, da die Menschheit eine Familie ist.

Text: Zaneta Weissbrich