Mexiko |

Der Tod lächelt in leuchtenden Farben

Ein wenig mag es wohl an das nordamerikanische Halloween erinnern, wenn die mexikanische Geschäftswelt Mitte Oktober beginnt, sich für den bevorstehenden Día de los muertos herauszuputzen. Die Konditoreien übertreffen sich gegenseitig mit neuen Kreationen menschlicher Schädel aus glitzerndem Zuckerguss und Brot in Knochenform, dem pan de muertos. Auf den Märkten reicht das kreative Spektrum der Erschaffer von makaber düsteren Leichen in Schokoladensärgen bis zu bunten, grinsenden Pappmaché-Gerippen. Auf den Friedhöfen werden liebevoll die Gräber geputzt und in den Häusern die Familienaltäre für die Ankunft der Verstorbenen geschmückt. Während in Deutschland an Allerheiligen die Stille auf dem Friedhof Einzug hält, feiern und tanzen die Mexikaner im Klang der Mariachi-Musik an den Grabstätten der Toten. In diesen Tagen ist der Tod auf Mexikos Straßen so quicklebendig wie nirgendwo.

Verschmelzung von indigenem Totenkult und christlicher Tradition

Wie in Europa wird auch in Mexiko am ersten und zweiten November der Toten gedacht. Der Día de los Muertos ist einer der wichtigsten Feiertage im mexikanischen Kalender. Es war Abt Odilon von Cluny, der im Jahr 998 n. Chr. Allerseelen am Tag nach Allerheiligen einführte. Von den spanischen Eroberern wurde der katholische Feiertag schließlich in die neue Welt gebracht. Die indigenen Völker aber vergaßen ihre Wurzeln und ihre eigenen Vorstellungen von Leben und Tod nicht. „Weder Azteken noch Maya unterschieden zwischen Himmel und Hölle, sondern glaubten an ein Leben nach dem Tod im mictlan. Je nachdem, wie ehrenhaft man starb, kam man in eine der 13 verschiedenen Regionen, die alle recht attraktiv waren. Der Tod war somit nur ein Übergang zu einer weiteren Daseinsform“, erläutert der Anthropologe Bogar Escobar Hernández des Instituts für Mesoamerikanische und Mexikanische Studien an der Universität von Guadalajara. „Die katholische Kirche war sich des intensiven Totenkults der Indigenen bewusst. Sie führte ihre christlichen Symboliken und Bräuche ein, so dass es schließlich zu einer Verschmelzung von unterschiedlichen Glaubensvorstellungen kam, was heute die bunt-makabre Faszination des Día de los Muertos ausmacht.“

Ein Glas Wasser für die durstige Seele

Im Bundesstaat Michoacán, wo die Feierlichkeiten besonders traditionell sind, betreiben die Purépecha-Indianer einen großen Aufwand, damit es den toten Gästen bei ihrem Besuch auch an nichts fehlt. Den ganzen Vormittag hat Carla Guillen García das Grab ihrer Mutter hergerichtet, es mit Blumen geschmückt und unzählige Kerzen aufgestellt. Neben den Lieblingsspeisen der Verstorbenen dürfen alkoholische Getränke und Zigaretten auf dem Grab nicht fehlen. Als Erfrischung nach der langen Reise wird der eintreffenden Seele ein Glas Wasser angeboten. Salz als reinigendes Element und Brot als Symbol der Gemeinschaft sind ebenfalls fester Bestandteil der ofrenda. Behutsam legt die 54-Jährige eine aus Palmblättern geflochtene Matte neben das Grab. Sie soll der weit gereisten Seele als Ruhestätte dienen.

Nächtliches Familienfest am Grab

Wenn die Nacht hereinbricht und die Totenwache an den Gräbern beginnt, wird es eiskalt auf dem kleinen Friedhof von Tzintzuntzan. Bei bis zu drei Grad Celsius versammeln sich die Familien an den Gräbern. Eingehüllt in dicken Wolldecken oder Daunenjacken zünden sie ein wärmendes Feuer an und sitzen dort bis zum Morgengrauen. Sie trinken ponche, den heißen Fruchtwein, singen und erzählen Geschichten von früher, als der Verstorbene noch lebte. „Man kann jeden Moment ihre Gegenwart spüren“, erzählt Carla und schenkt sich heißen Kaffee ein. „Sie essen auch von der Essenz der Opfergaben. Früchte und Süßigkeiten haben am nächsten Tag ihren Geschmack verloren. “ Ob es denn auch ein trauriger Moment sei? „Eher im Gegenteil“, sagt sie und schüttelt den Kopf. „Man fühlt Glück und Freude, wieder beisammen zu sein.“

Autorin: Sara Charlotte König

Cempasúchil, die Lieblingsblume der aztekischen Göttin der Erde, schmückt die Gräber Mexikos an Allerseelen. Foto: Sara Charlotte König.