Chile |

Der Spielverderber

Santiago. Seine Kenzo-Krawatten sind stets etwas zu locker gebunden, seine Haare zu lang, sein Mundwerk zu lose. Marco Enriquez Ominami spricht ohne Punkt und Komma; die Ideen sprudeln aus ihm hervor, wie aus einem Springbrunnen: Steuerreform, Transparenz, Umwelt-und Verbraucherschutz, Bürgerbeteiligung, soziale Gerechtigkeit. Messerscharf bringt er die Schwachpunkte seiner Gegner auf den Punkt. Damit hat es der 36jährige zum Shooting Star der chilenischen Politik gebracht. Vor sechs Monaten kaum einer größeren öffentlichkeit bekannt, kommt der gelernte Filmemacher inzwischen laut Umfragen auf 17 Prozent der Wählerstimmen bei den Präsidentschaftswahlen im Dezember und ringt damit um den Einzug in die Stichwahl. Politische Erfahrung hat er nur wenig, dafür Stammbaum, Mut, ein telegenes Charisma, den richtigen Zeitgeist und die richtige Frau: die populäre, deutschstämmige TV-Moderatorin Karen Doggenweiler.

Aufgewachsen ist Ominami im Exil in Frankreich, erst 1986 kehrte er nach Chile zurück. 2005 wurde er von den Sozialisten fürs Parlament aufgestellt – denn er war Sohn eines prominenten linken Widerstandskämpfers, der beim Putsch getötet wurde. „Dieses dynastische Denken ist absolut mittelalterlich und eines der ersten Dinge, die ich abschaffen will“, sagte er dieser Zeitung. Im Parlament bekam er rasch den Beinamen „der Widerspenstige“. Denn Ominami stritt für Homosexuellenehe, Abtreibung und eine Steuerreform – alles Themen, die in dem konservativen südamerikanischen Land tabu sind.

Er selbst bezeichnet sich als „progressiv und liberal“. Die Sozialisten hat er inzwischen verlassen und tritt als Parteiloser an. Gegen den 59jährigen rechten Unternehmer und Multimillionär Sebastian Piñera, zum dritten Mal Kandidat, und den 67jährigen christdemokratischen Ex-Präsidenten Eduardo Frei. Beide plötzlich sehr bemüht um ein jugendliches Image. Piñera hat sich Zeitungsberichten zufolge seine Krähenfüsse liften lassen, Frei versucht, als Sozius auf einem Motorrad zu beeindrucken. Was Ominami mit dem Satz quittiert: „Ich tue nicht jung, ich bin jung.“ Authentizität sei sein Erfolgsrezept. Frei und Piñera halten Ominamis Angriffe schweigend aus – beide liebäugeln für die Stichwahl mit dessen Stimmen.

Nach Angaben der Meinungsforscher spricht er vor allem den 18-30jährigen aus dem Herzen. Sie fühlen sich als die „vergessene Generation der Demokratisierung“, wie die Jugendforscherin Dina Krauskopf sagt. „Beim Referendum über den Verbleib von Diktator Augusto Pinochet 1988 haben 80 Prozent aller Jungwähler für die Demokratie gestimmt. Doch das seither regierende Bündnis der Concertacion hat ihre Erwartungen nicht erfüllt. Heute sind gerade einmal 20 Prozent der 18jährigen in die Wahlregister eingetragen.“

Dank Ominami dürften es ein paar mehr geworden sein. „Ich finde ihn cool, er hat auch schon mal Marihuana geraucht“, sagt der 18jährige Alan Mureño aus der Vorstadt La Bandera. „Ich habe früher für die Concertacion gestimmt, habe aber die Nase voll von diesen verlogenen alten Knackern. Chile braucht den Wandel“, sagt der Gelegenheitsarbeiter Alberto de Rios. Für „ein bisschen unreif“ und „ohne politische Basis“ hält ihn ein 30jähriger Beamter, „aber er ist eine Zukunftshoffnung“. Präsidentin Michelle Bachelet wird Sympathie für ihren rebellischen Ex-Parteikollegen nachgesagt. Und sogar der knapp 90jährige Gabriel Valdes, einer der Gründerväter der Concertacion, äußerte sich wohlwollend über Ominami.

Doch der Rebell hat auch Kritiker. „Er ist ein verwöhnter Yuppie, der sein Ego auslebt“, schimpft ein 50jähriger Fotograf. „Er wurde von den rechten Medien aufgebauscht, um Frei zu schaden“, glaubt Marta Lagos vom Umfrageinstitut Latinobarometro. „Das ist ein Spiel mit dem Feuer, denn es suggeriert der Bevölkerung, dass es nur auf den Präsidenten ankommt und Parteien unwichtig sind.“ Eine Tendenz zu Populismus und Persönlichkeitskult, die sich im Rest Südamerikas von Kolumbien bis Argentinien längst durchgesetzt hat.

Wie dort ist auch in Chile der Aufstieg des charismatischen Rebellen ein Symptom für den Niedergang der Parteien und den Verschleiß der Concertacion. Zwar geniesst Präsidentin Bachelet zwischen 70 und 80 Prozent Zustimmung, doch auf Frei und die Concertacion überträgt sich diese Popularität nicht. Der Christdemokrat, im Volksmund wegen seiner steifen Art auch „sprechende Mumie“ genannt, war von 1994-2000 schon einmal Präsident und hat kaum etwas Bemerkenswertes in der Erinnerung der Chilenen hinterlassen. Er gehört zu einer traditionellen, begüterten Familie und ist in einer wenig transparenten Entscheidung zum Kandidaten gekürt worden. Doch nicht nur ihm ist es anzulasten, dass er derzeit nur knapp 20 Prozent der Wähler begeistert. Die Concertacion ist nach 20 Regierungsjahren erschlafft, verfilzt, hat sich mit der noch aus Diktaturzeiten stammenden Verfassung und dem von vielen Chilenen als ungerecht empfundenen, neoliberalen Wirtschaftsmodell arrangiert.

Sollte Frei es in die zweite Runde schaffen, wäre dies der Parteimaschinerie zu verdanken und dem gesamten Regierungsapparat, den Bachelet für ihn mobilisiert hat. Demgegenüber mutet Ominami, der mit facebook und twitter arbeitet und ansonsten rastlos das Land von Nord nach Süd bereist, ein bisschen an wie Don Quichotte. „Dafür, dass er seine Kandidatur erst im Juni bekanntgegeben hat, sind wir sehr zufrieden mit den Umfragen“, sagt sein Pressechef. Auch wenn er den Einzug in die Stichwahl verpasst, so hat der junge Rebell das schmale Land hinter den Anden kräftig aufgemischt. Und er hat die Zeit auf seiner Seite: Bis zur nächsten Wahl 2014 kann er eine eigene politische Bewegung aufbauen – sofern sein Protestwählerpotenzial nicht nach der Wahl platzt wie eine bunt schillernde Seifenblase.

Autor: Sandra Weiss