Haiti |

Der schleichende Tod

Der Kampf gegen die Cholera kommt aus einem Kanister: Helfer mit organge-gelben Behältern auf dem Rücken gehen durch die Krankenhäuser Haitis. Sie verspritzen Chlor, um die medizinischen Einrichtungen zu desinfizieren. Doch der Tod ist einfach nicht aufzuhalten: Bereits 800 Menschenleben hat die Cholera-Epidemie in Haiti gefordert. Mehr als 12.000 Menschen gelten im gesamten Land als infiziert. So teilten es die Gesundheitsbehörden der leidgeprüften Karibik-Insel am Wochenende mit. Nach dem verheerenden Erdbeben im Januar, dem Tropensturm Tomas ist die Cholera-Welle bereits die dritte Katastrophe die das ärmste aller lateinamerikanischen Länder binnen eines Jahres heimsucht.

Mangelhafte Hygiene und fehlende medizinische Einrichtungen

Vor gut einem Monat nahm die schleichende Katastrophe ihren Lauf. Im total verdreckten Fluss Artibonite konnten die Cholera-Bakterien prächtig gedeihen. Irgendwann Mitte Oktober sprang dann die todbringende Bakterie auf den Menschen über und seitdem schlägt die unheimliche Krankheit eine Schneise des Todes durch das Land. Wie ein todbringendes Krebsgeschwür, das im ganzen Körper Metastasen bildet, so breitet sich die Cholera in allen Provinzen Haiti aus. Kaum eine Region ist von der Seuche verschont, die Krankheit droht außer Kontrolle zu geraten. Betroffen sind vor allem ländliche Regionen, weil hier die Infrastruktur besonders katastrophal ist. Mangelhafte Hygiene sowie fehlende medizinische Einrichtungen begünstigen die Ausbreitung der Epidemie.

Jeden Tag neue Fälle

In der Hauptstadt Port-au-Prince wächst die Angst mit jedem neuen Fall. Die tiefen Sorgenfalten auf der Stirn der erschöpften Mediziner verrät die Dramatik der Situation: "Wir versuchen die die Kranken zu stabilisieren", erklärt der Mediziner Raou Plancher den täglichen Kampf. "Wir bekommen jeden Tag neue Fälle und ihre Anzahl steigt von Tag zu Tag", berichtet Juliette Olivier besorgt. Und die Prognose von Yves Lambert verheißt nichts Gutes: "Wenn die Zahl der Cholera-Fälle weiterhin in diesem Rhythmus ansteigt, dann sind unsere Kapazitäten schon bald erschöpft."

Slums der Hauptstadt gefährdet

Noch ist die Zahl der Erkrankten in Port-au-Prince vergleichsweise überschaubar. Das liegt vor allem daran, dass die internationalen Hilfsorganisationen in den riesigen Zeltlagern der obdachlosen Erdbebenopfer für frisches und unbedenkliches Trinkwasser sorgen. Es ist ihr Erfolg, dass es nach dem katastrophalen Erdbeben überhaupt solange dauerte, bis erstmals eine landesweite Seuche die Menschen heimsuchte.

Problematisch aber ist die Lage in den Slums der Hauptstadt, wo entgegen aller Versprechungen der Regierungen keine taugliche Kanalisation eingerichtet wurde. Hier findet die Krankheit einen optimalen Nährboden, um sich weiter auszubereiten.

150 Millionen Euro Soforthilfe notwendig

Welche Dimension die Krankheit bereits angenommen hat, beweist eine Forderung der Vereinten Nationen. Rund 150 Millionen Euro Soforthilfe seien notwendig, um die weitere Ausbreitung der Seuche in den Griff zu bekommen. "Wir brauchen diese Summe umgehend", erklärte UN-Sprecherin Elisabeth Byrs aus dem Büro für humanitäre Angelegenheiten. Ohne diese Unterstützung, so macht die UN klar, würden die Anstrengungen der Hilfskräfte von der Epidemie bald überrollt. Was das bedeutet, hat die panamerikanische Gesundheitsorganisation PAHO hochgerechnet. Sie geht inzwischen von bis zu 200.000 zukünftigen Erkrankungen aus. Die ganze Wucht der Cholera-Katastrophe, da sind sich alle Experten sicher, wird Haiti erst in ein paar Tagen erreichen.

Autor: Tobias Käufer, zur Zeit Port-au-Prince