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Der rebellische Star des "Sodalitium"

Rocio Figueroa machte die Missbrauchsfälle in der katholischen Bewegung Sodalitium öffentlich. Foto: privat
Rocio Figueroa machte die Missbrauchsfälle in der katholischen Bewegung Sodalitium öffentlich. Foto: privat

"Was, du auch?" Rocio Figueroa wollte zuerst nicht glauben, was ihr eine Mitschwester vor zehn Jahren erzählte: dass sie von ihrem gemeinsamen spirituellen Begleiter German Doig sexuell belästigt worden sei. Das Gleiche war ihr als junges Mädchen widerfahren. Und, so die Mitschwester, sie wisse von einem weiteren Missbrauchsopfer.

Bis dahin hatte Rocio Figuera geglaubt, sie sei ein Einzelfall, ein "Ausrutscher" gewesen. Denn der beschuldigte German Doig Klinge (1957-2001) galt als ein Anwärter für die Seligsprechung. "Ich fragte mich, ob es noch mehr Opfer gibt, und fing an zu recherchieren", erzählt die heute 48-Jährige.

Die Peruanerin Rocio Figueroa war 2006 eine der Vorzeigefrauen im Vatikan. Mit 38 Jahren war die promovierte Theologin verantwortlich für die Frauenarbeit beim Päpstlichen Laienrat. Seit ihrem 19. Lebensjahr gehörte sie einer von ihr selbst gegründeten und dem "Sodalitium Christianae Vitae" zugehörigen religiösen Frauengemeinschaft an.

Religiöse Laienbewegung

Das "Sodalitium Christianae Vitae" (Gemeinschaft christlichen Lebens) - kurz Sodalitium genannt - ist eine religiöse Laienbewegung, die 1971 von dem damals 22-jährigen Peruaner Luis Fernando Figari (68) gegründet wurde. Binnen weniger Jahre erlangte das "Sodalitium" im Pontifikat Papst Johannes Pauls II. (1978-2005) großen Einfluss in der katholischen Kirche und wurde 1997 vom Vatikan als Gemeinschaft apostolischen Lebens anerkannt.

Seit seiner Gründung verstand sich das "Sodalitium" in Gegnerschaft zur als marxistisch verrufenen "Theologie der Befreiung", die ihre Wurzeln ebenfalls in Peru hat. Die konservative Bewegung rekrutierte ihre Mitglieder insbesondere an den Privatschulen der peruanischen Mittel- und Oberschicht.

Spürbarer Machismo

Die damals 16-jährige Rocio Figueroa aus Lima kam Mitte der 80er Jahre über ihren Bruder zum "Sodalitium". "Ich wollte schon als kleines Mädchen Ordensfrau und Missionarin werden", erzählt sie. Die charismatische junge Frau scharte bald eine Gruppe Mädchen um sich und gründete den weiblichen Zweig der Laienbewegung - trotz des Machismo, den sie von den männlichen Leitungsfiguren zu spüren bekam.

Doch die "Sodalitium"-Männer brauchten die junge, intelligente und hübsche Frau auch als Aushängeschild. "Ich war so etwas wie ein rebellischer Star beim Sodalitium", sagt sie rückblickend. 1997 schickte sie der Gründer Figari zum Studium nach Rom. Dort, so sagt die zierliche Frau mit den schwarzen Locken, habe sie sich befreit - und gemerkt, "dass wir im Sodalitium längst nicht so toll waren, wie wir vorgaben".

Reformation von Innen

2008 wagte sie dann die Konfrontation mit Figari. "Er warf mir Aufsässigkeit vor - und dass German Doig ein Heiliger gewesen sei." Dabei habe Figari genau gewusst, dass auch er selbst früher Jugendliche sexuell missbraucht habe. Noch bis 2012 blieb Rocio Figueroa offiziell in der religiösen Bewegung. Warum so lange? - "Ich war so idealistisch, meinte, dass die Bewegung von innen zu reformieren sei", sagt sie heute. Doch das sei ein vergeblicher Wunsch gewesen. In dieser Zeit sammelte sie bereits Beweise für Missbrauchsfälle, machte den Vatikan darauf aufmerksam, was im fernen Peru geschah. Doch die Mühlen dort mahlten langsam. Ein vatikanischer Untersuchungsbericht steht noch aus.

Veröffentlichte Opferberichte

Rocio Figueroa half schließlich den Journalisten Pedro Salinas und Paola Ugaz dabei, die Opferberichte zu veröffentlichen. Ihr im Oktober 2015 erschienenes Buch "Halb Mönche, halb Soldaten" brachte den Stein ins Rollen. Eine vom "Sodalitium" eingesetzte Untersuchungskommission bestätigte in ihrem jüngst veröffentlichten Bericht die Aussagen der Opfer über sexuelle, physische und psychische Gewalt. Die Bewegung hat daraufhin ihren Gründer Figari selbst ausgeschlossen.

Rocio Figuera lebt inzwischen am anderen Ende der Welt - in Neuseeland. Sie forscht über spirituelle Folgen einer sexuellen Missbrauchserfahrung. Viele Betroffene verlören den Glauben, sagt sie. Sie selbst habe Glück gehabt: "Mein christlicher Glaube kam nicht vom Sodalitium, sondern von meinen Eltern, aus mir selbst - aus der Begegnung mit dem einfachen gläubigen Volk."

Quelle: KNA, Autorin: Hildegard Willer