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"Der Preis für Pressefreiheit ist hoch"

Der Venezolaner Andrés Canizalez ist mit dem Preis für Meinungsfreiheit des Internationalen Katholischen Journalistenverbandes ausgezeichnet worden. „Lateinamerika ist der Kontinent, auf dem am meisten Journalisten umgebracht werden“, berichtet der 44-jährge Journalistik-Professor bei der Preisverleihung in Burkina Faso und prangert den „hohen Preis der Pressefreiheit“ an.

Ein regimekritischer Journalist wird im venezolanischen Staatsfernsehen karikiert, wie er sich mit einem Koffer voller Dollars davon macht. Mexikanische Journalisten werden von der Drogenmafia umgebracht. Ein peruanischer Journalist wird im Auftrag des örtlichen Mafiabosses erschossen, weil er seine Nase zu sehr in die städtischen Haushaltsbücher steckt – all dies kann Journalisten in Lateinamerika heute widerfahren, wenn sie sich mit der Staatsmacht oder mit einflussreichen Gruppierungen anlegen.

Polarisierungen überwinden

„Lateinamerika ist der Kontinent, auf dem am meisten Journalisten umgebracht werden“, bekräftigt Andrés Canizalez diese traurige Bilanz. Der 44-jährige Journalistik-Professor der Katholischen Universität von Caracas hat sich mit seinen Studien und Stellungnahmen zur Meinungsfreiheit einen Namen gemacht. Auf nüchterne Weise und mit guten Argumenten versucht er immer wieder aufs Neue, die Polarisierungen in seinem Heimatland Venezuela zu überwinden und die Pressefreiheit im Dienst des mündigen Bürgers in den Mittelpunkt zu stellen.

Die Internationale Katholische Journalistenunion hat ihm für dieses Engagement am 16. September 2010 in Ouagadougou/Burkina Faso seinen Titus-Brandsma-Preis für Pressefreiheit verliehen. Titus Brandsma war ein holländischer Karmelit und Journalist, der wegen seines mutigen Eintretens für die Meinungsfreiheit von den Nazis deportiert und 1942 im Konzentrationslager Dachau ermordet wurde.

Medien-Monopole

Andrés Canizalez hofft, dass der Preis das Augenmerk auf die schwierige Situation vieler Journalisten in Lateinamerika richtet. In einigen Ländern Lateinamerikas, namentlich in Argentinien und Nicaragua,so Canizalez, ändern Regierungschefs die gesetzlichen Spielregeln, um einflussreichen Medien zu schaden. Andere, wie Präsident Rafael Correa in Ecuador, liefern sich öffentliche Gefechte mit den Medien. In Mexico oder ansatzweise in Brasilien ist es umgekehrt: dort schaffen sich große Monopol-Medien ihre eigenen Gesetze durch ihre Einflussnahme in der Politik.

Polarisierung zwischen Medien und Regierung

Die Polarisierung zwischen Medien und Regierung ist heute überall in Lateinamerika zu beobachten, nicht nur in Venezuela. Dort liefert sich Präsident Hugo Chávez seit Jahren eine öffentliche Auseinandersetzung mit den Medien, vor allem mit den privaten Fernsehsendern. Als Chávez im Mai 2007 dem privaten Sender RCTV die Lizenz entzog, knickten auch die restlichen Fernsehsender ein und fuhren ihre Regierungskritik zurück. „Heute haben wir in Venezuela nur noch in der Presse eine wirkliche Pluralität“, sagt Canizalez. Sechs Fersehsender werden inzwischen ausschliesslich von der venezolanischen Regierung kontrolliert – ein wichtiges Regierungsinstrument, wenn man bedenkt, dass sich 80 Prozent der Venezolaner übers Fernsehen informieren.

Die venezolanische Regierung greift auch zu anderen Methoden, um ihre Regiemegegner mundtot zu machen. Zwei wichtige Organisationen der venezolanischen Zivilgesellschaft, „Espacio Público“ und „IPYS“ müssen sich wegen angeblicher Geldwäsche vor Gericht verantworten. „Wir haben zwar Pressefreiheit in Venezuela, aber sie hat einen hohen Preis“, kommentiert Canizalez.

Wenig Einsatz für Unabhängigkeit

Andrés Canizalez bedauert, dass sich die breite Bevölkerung bisher wenig für die Unabhängigkeit und inhaltliche Qualität ihrer Medien einsetzt – selbst in Venezuela wird der Streit um die Medien eher als Mittel zur politischen Polarisierung benutzt, als dass das Recht der Bürger auf unabhängige und plurale Informationen im Mittelpunkt stünde.

Ein Lichtblick, so Canizalez, ist jedoch, dass in mehreren lateinamerikanischen Ländern neue Regulierungen der Medienlandschaft anstehen und dort neue Mitsprachemöglichkeiten enstünden. „Wir brauchen mehr Transparenz und Bürgerbeteiligung bei der Vergabe oder Verweigerung von Sendelizenzen. Diese liegen bisher noch zu einseitig in den Händen der jeweils Regierenden“

Autorin: Hildegard Willer