|

Der Luftballon-Effekt des Drogenkriegs

Der von den USA unterstützte „Krieg gegen die Drogen“ in Mexiko und Kolumbien hat Ergebnisse: nach Erhebungen der UNO ist inzwischen Peru zum wichtigsten Anbauland für Koka aufgestiegen, während sich der Handel verlagert hat nach Mittelamerika und in die Karibik. Experten sprechen unter Anspielung auf einen wassergefüllten Schlauch vom sogenannten „Luftballon-Phänomen“: der Verlagerung des illegalen Geschäfts unter Druck in andere Gegenden und wieder zurück.

In Peru – in den 80er Jahren schon einmal größter Kokaproduzent weltweit - wurden im vergangenen Jahr 128.000 metrische Tonnen Kokablätter geerntet, wie das UN-Büro gegen Drogen und Kriminalität (Unodoc) am Dienstag in Lima mitteilte, während es in Kolumbien 103.000 Tonnen waren. 92 Prozent der angebauten Koka werde zu Kokain verarbeitet und der Rest zum traditionellen Kauen verwendet oder für Tee und Medikamente genutzt. Damit wird in Peru fast die Hälfte des südamerikanischen Kokas produziert, in Kolumbien 39 Prozent und in Bolivien 15 Prozent. Kolumbien hat seit den 90er Jahren über fünf Milliarden Dollar US-Militärhilfe erhalten.

Der peruanische Anti-Drogen-Zar, Rómulo Pizarro, führte den Anstieg auf die gestiegene Drogennachfrage in den Industrieländern zurück. „Und wenn dann erst der Konsum in Asien zulegt, wofür es erste Anzeichen gibt, wird der Druck auf die Anbauländer wie Peru noch größer“, sagte Pizarro und bedauerte die aus seiner Sicht ungenügende und abnehmende internationale Kooperation im Kampf gegen die Drogen. Die USA unterstützen den Drogenkrieg in Peru mit 70 Millionen US-Dollar sowie eigens dafür abgestellten Experten; die EU hat Hilfe zur Wiederaufforstung, zur Polizeiausbildung und zur Förderung alternativer Anbauprodukte versprochen.

In Peru hat das Drogengeschäft einen gefährlichen Nebeneffekt: es hat zum Erstarken der maoistischen Rebellenbewegung Leuchtender Pfad geführt, die sich als Miliz in den Dienst der Drogenmafia gestellt hat und sich in jüngster Zeit im Dschungel häufig Gefechte mit Sicherheitskräften liefert. Mehr als 400 Mitglieder hat die Guerilla nach Schätzungen von Experten bereits wieder. Die Gewalt des Leuchtenden Pfades stürzte Peru in den 80er Jahren in einen blutigen Bürgerkrieg, der rund 70.000 Menschen das Leben kostete.

Der Drogenboom wirft gleichzeitig ein Schlaglicht auf die Schattenseite des peruanischen Wirtschaftsbooms, der spurlos vorüberging an hunderttausenden Kleinbauern, die in absoluter Armut leben, vergessen von den staatlichen Institutionen, und die ihr einziges gesichertes Einkommen aus dem Verkauf der Kokablätter beziehen – ein anspruchloser, pflegeleichter Strauch, der bis zu viermal im Jahr abgeerntet werden kann und bessere Preise erzielt als etwa Kaffee oder Kakao. Die Lage im peruanischen Amazonasgebiet ist explosiv. Schon mehrfach demonstrierten die Kokabauern gegen die Anti-Drogen-Strategie der Regierung, voriges Jahr kam es zu einem blutigen Aufstand der Indigenas gegen die Konzessionsvergabe an internationale Bergbau- und Energiekonzerne.

Auch Mittelamerika und die Karibik wurden durch die Verlagerung des Drogengeschäfts destabilisiert. So kam es jüngst in Jamaika zu bürgerkriegsähnlichen Unruhen, als die Regierung einen einflussreichen Drogenboss festnehmen wollte. In Guatemala ist nach Aussagen des jüngst zurückgetreten UN-Chefermittlers und Vorsitzenden der Kommission gegen die Straffreiheit, Carlos Castresana, die Justiz bis in höchste Sphären vom Organisierten Verbrechen infiltriert, und auch Exekutive und Legislative unternähmen wenig Anstrengungen im Kampf gegen Kriminelle. Im politisch durch einen Umsturz destabilisierten Honduras starten und landen täglich Kleinflugzeuge, bis oben hin gefüllt mit Kokain. In Nicaragua wurden jüngst Drogenlabors ausgehoben.

„Das eigentliche Problem liegt nicht in Mexiko, sondern in Mittelamerika und der Karibik, wo in weniger als einem Jahrzehnt die Gewalt und die Korruption sprunghaft zugenommen haben“, schreibt der salvadorianische Sicherheitsexperte Joaquin Villalobos. Schwache Staaten, ein hohes Gewalt- und Armutsniveau, extreme Mobilität durch Migration, kleine Volkswirtschaften mit wenig Widerstandskraft gegenüber den Drogenmillionen und der Tourismus mit dem damit verbundenen Drogenkonsum leisteten dem Organisierten Verbrechen Vorschub.

Autorin: Sandra Weiss