Honduras |

Der lebensgefährliche Ruf des Goldes

Das Denkmal in El Corpus (Foto: DW/O. Ristau)
Das Denkmal in El Corpus (Foto: DW/O. Ristau)

Das Städtchen El Corpus im Süden von Honduras hat seinen Bergleuten ein Denkmal gesetzt und es vor der alten Kirche aufgestellt: Ein Bergmann mit Helm und Hammer ist im Begriff, Gestein zu zerschlagen. Die Statue ist ganz in Grün getaucht, noch intensiver als die Vegetation, die sich auf den Bergen ringsum El Corpus ausbreitet, einem pittoresken Landstädtchen. Corpus heißt auf Deutsch Körper. Es ist ein Körper, der voller Gold steckt.

 

Stolz steht Santos Marabiara neben der Figur, die zum Gedenken an die Menschen aufgestellt wurde, die hier Steine aus den Bergen brechen. Solche wie Marabiaras Sohn, der bei einem Grubenunglück vor ein paar Jahren ums Leben gekommen ist. Schon die Spanier haben vor 500 Jahren damit begonnen, dem Edelmetall zu Leibe zu rücken.

 

Kaum die Hälfte des Goldpreises

 

Die Berge ringsum sind mit Stollen und Tunneln durchzogen, die nie jemand gezählt hat. Nur die Goldgräber wissen es, die wie einst die Kolonialisten immer noch täglich in den Berg eindringen, um Gold aus den Stollen zu holen. So wie Marabiaras Sohn, rund ein Gramm pro Woche. "Die lokalen Händler haben uns dafür 500 bis 550 Lempira gegeben", erzählt er - umgerechnet 16 bis 18 Euro. Das ist weniger als die Hälfte des offiziellen Goldpreises an der Börse. Es ist wie so oft: In El Corpus verdient der Handel am Besten an den etwa 2.000 Goldsuchern.

 

Quecksilber im Einsatz

 

Manche betreiben ihre eigene Goldmühle. So wie der untersetzte Mann in einem blau-weiß gestreiften Hemd, der am Ende des Ortes wohnt, wo nur noch wenige Häuser stehen. Seinen Namen will er nicht nennen. Dafür präsentiert er stolz seine selbst gebaute Mühle. Vier weiße zentnerschwere Steine, vom Fluss tief im Tal von Corpus rund gewaschen und unter Schwerstarbeit ins Dorf geschleppt, dienen dem Koloss als Mahlsteine. Ein LKW-Motor mit mehr als 300 PS treibt sie über Eisengestänge und ein Differential an.

 

"Täglich verarbeiten wir etwa drei Tonnen", sagt er und zeigt auf ein paar weiße Säcke mit faustgroßem Gestein, das er mit seinen Mitstreitern aus dem Berg gebrochen hat. Zusammen mit Wasser und Quecksilber wird es von den Steinen zermahlen. Das Schwermetall verbindet sich dabei mit dem Gold, das auf einer Ableitung versandet. Das giftige Quecksilber wird anschließend ohne jeden Schutz abgeflämmt.

 

Rund sieben Gramm Gold kommen am Tag zusammen, rechnet der Schürfer vor. Den Ertrag teilen sich sechs Personen und ihre Familien. Auch wenn das mehr ist als bei dem verunglückten Goldgräber Marabiara - Reichtum atmen der Hof, die Mühle und der Mann nicht gerade.

 

Ein dunkles Labyrinth

 

"Kommt, ich zeig Euch die Tunnel", ruft er plötzlich und rudert mit den Armen. Seine Augen blitzen und er geht voran ein paar Meter den Hügel hinauf, der hinter der Mühle beginnt, bis er vor einer Felswand stehen bleibt. Hier ist der Eingang zu den Stollen. Der sei noch von den Spaniern angelegt worden, erzählt er, während er zwei schwarze Stromkabel verbindet, die im Eingang an den Stein montiert sind und dabei Funken sprühen. Der zuvor dunkle Höhleneingang ist erleuchtet. Im Gang hängen zwei Glühbirnen, dann fällt der Schacht ab. Am Rand ist eine Holzleiter gelehnt. Fünf Sprossen führen in einen tieferen Gang.

 

Hier ist es deutlich kühler als oben, aber auch feuchter. Es dauert nicht lange, und ein Schweißfilm bildet sich auf der Haut, der wie ein Magnet den Staub anzieht. Nach wenigen Metern in gebückter Haltung ist der nächste Abstieg erreicht. Jetzt sind es zehn Sprossen, von denen zwei durchgetreten sind. "Komm, komm, ich will dir zeigen, wo wir die Steine abbauen", ruft der Mann, der bereits nach unten geklettert ist.

 

Jeden Tag dringen die Männer aufs Neue in die Tiefe vor. Jederzeit können die Stollen einbrechen, das Licht ausfallen und sie in völliger Dunkelheit stehen. Es gibt keine Handläufe, nichts außer der Erfahrung, an der sie sich orientieren könnten.

 

Jetzt wollen Investoren ans Gold

 

Seit kurzem haben internationale Unternehmen ein Auge auf das Gold von El Corpus geworfen. Kaum hat man das Städtchen über eine staubige schmale Bergstraße verlassen, bietet sich ein Blick in das Tal, aus der eine große Tagebaumine herauswächst. Sie gehört der US-Firma Inception Mining. Von hier aus wirken die Fahrzeuge mit den langen Transportbändern wie Spielzeuglaster. Noch nimmt die Mine mit dem freigelegten braunen Gestein nur ein kleines Areal inmitten eines großen grünen Bergrückens ein.

 

Pedro Landa ist Bergbauexperte der Nichtregierungsorganisation Equipo de Reflexión, Investigación y Comunicación (ERIC). Er ist gekommen, um das Projekt in Augenschein zu nehmen. "Wenn das Bergwerk seine Konzessionen umsetzt, wird der ganze Berg zur Goldmine", sagt er.

 

Es rieselt giftiges Zyanid

 

Eine Straße führt im Tal hinter einem Drahtzaun direkt am Abbaugelände vorbei. Auf einer aufgetürmten Gesteinshalde versprühen Berieselungsanlagen eine Flüssigkeit. Landa ist sich sicher: "Das ist Zyanid." In der Tat würde eine andere Berieselung laut Experten auch kaum Sinn haben.

 

Bei dem in der Literatur als "heap leaching" bekannten Verfahren wird Gestein mit einer 0,1-prozentigen Natriumcyanidlösung berieselt. Das wäscht das Gold aus, das am Fuße des Erzberges gesammelt wird.

 

Keine Spur von Dialog

 

Keine hundert Meter entfernt leben Menschen in einfachen Wellblechhütten. Einer, der seinen Namen ebenfalls nicht nennen will, klagt, dass das Wasser knapp geworden ist, seit die Mine es über eigene Brunnen abzapfe. Er würde wegziehen, wenn ihm die Firma sein Stück Land am Rand des Areals abkaufte. Doch sie kommuniziere nicht einmal mit ihm.

Laut der Regierung in Tegucigalpa sollte das anders sein, die Firmen im konstruktiven Dialog mit den Anwohnern stehen. Doch er ist skeptisch, dass er seine Rechte einfordern kann. "Die Regierung ist nie auf der Seite der Armen", sagt er. "Alles was uns am Ende bleibt, ist die Kontaminierung." Und das im wahrsten Sinne: Denn das Bergwerk ist so nah, dass bei entsprechendem Wind das Zyanid auf sein Dach regnen könnte.

Quelle: Deutsche Welle, Autor: Oliver Ristau (El Corpus, Honduras)

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