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Der Kampf mit dem öl

Ein "schwerer Unfall" sei es schon gewesen, urteilte Haroldo Lima, bis letzte Woche Präsident der staatlichen ölbehörde ANP, über das Anfang November bei Bohrungen gut 120 Kilometer vor Brasiliens Küste entstandene Leck auf dem Meeresgrund. Zwar könne man den Austritt von gut 2.000 bis 3.000 Fass öl nicht mit den Dimensionen des Unfalls im Golf von Mexiko letztes Jahr vergleichen, so Lima. Aber die Off-Shore-Förderung sei derzeit Brasiliens "sensibelster Bereich" überhaupt. Fehler dürfe man sich hier nicht leisten. Eins ist nach Limas Worten klar - in Brasilien schrillen derzeit die Alarmglocken. Ist doch der ehrgeizige Plan gefährdet, mit dem in den Tiefen des Ozeans schlummernden ölreichtum Brasiliens soziale Defizite zu begleichen und das Land in eine der reichsten Nationen der Welt zu verwandeln.

öl in der Tiefsee sorgt für Goldgräberstimmung

Seitdem man im Jahre 2006 die ersten Anzeichen für die gigantischen Tiefseevorkommen entdeckte, herrscht eine regelrechte Goldgräberstimmung in dem südamerikanischen Land. Innerhalb weniger Monate korrigierte man Brasiliens bekannte ölvorkommen von anfänglich 14 Milliarden Fass auf zuerst über 20, dann 30 und 40 Milliarden. Mittlerweile gehen die euphorischsten Schätzungen von bis zu 100 Milliarden Fass öl aus. Irgendwann um das Jahr 2020 herum will man bis zu 5 Millionen Fass pro Tag fördern. Das würde bei einem täglichen Verbrauch von etwa 3 Millionen Fass nicht alleine Brasiliens eigenen Bedarf decken, sondern das Land gleichzeitig zu einem der größten ölexporteure der Welt katapultieren. Mit den Erlösen will man einen nach norwegischem Vorbild geformten Sozialfond speisen, der endlich Brasiliens Defizite im Sozial- und Bildungsbereich begleicht. Eine wahrlich schöne Vision.

Unfall wirft tiefgreifende Sicherheitsfragen auf

Die scheint nun durch das von der US-amerikanischen Chevron provozierte Leck in dem Fördergebiet "Poco do Frade" in der ölregion Bacio de Campos plötzlich ernsthaft gefährdet zu sein. Am 7. November brach bei Bohrungen in gut 3.000 Metern hier der Meeresgrund auf und spie ungebremst öl in den blauen Atlantik. Erst Tage später entdeckte die Bundespolizei den ölteppich, ANP und die Umweltbehörde IBAMA brauchten gut zwei Wochen um zu reagieren. Chevron selbst zeigte sich nicht in der Lage, etwas gegen das austretende öl zu unternehmen. Dazu fehlte es an dem nötigen Equipment, wie sich später heraus stellte. Zudem versuchte der Konzern, den Unfall herunter zu spielen. Bei dem angebohrten ölfeld handelte es sich nicht um eines der zukunftsträchtigen Pre-Sal-Felder, in denen Brasiliens Schatz liegt, sondern um ein "klassisches Tiefseeölfeld". Trotzdem warf der Unfall Fragen auf. Hätte man überhaupt etwas gegen das austretende öl unternehmen können?

Kontrollen und Aktionspläne für Förderung fehlen

"Wir hatten keine Möglichkeiten, die Situation zu retten," stellt der Grüne Bundesabgeordnete Dr. Aluizio fest. Das Leck schloss sich praktisch von selbst, nachdem sich der Druck in dem Feld durch den Austritt von mehreren Tausend Litern öl auf natürliche Weise gesenkt hatte. "Das stellt die ölindustrie vor ein großes Problem. Sind wir überhaupt in der Lage, das Pre-Sal anzubohren? Und zu welchen Risiken? Darauf muss man klare Antworten finden," so Dr. Aluizio. "Und ist der brasilianische Staat in der Lage, diese ganzen Abläufe zu kontrollieren?" fragt sich der Politiker. Anscheinend nicht, gibt es doch keine wirksamen Kontrollen und Aktionspläne. Der Staat sei nicht einmal in der Lage gewesen, zu kontrollieren, was Chevron mit dem angeblich von der Meeresoberfläche abgesaugten öl getan habe. "Wo ist das hin?" fragt sich der Grüne.

"Kein Land der Welt ist auf die "Off-Shore-Förderung" vorbereitet"

"Die Off-Shore-Förderung ist eine sehr neue Technologie, mit der man erst nach dem ersten und zweiten ölschock in den 70er Jahren in großem Maßstab begonnen hat," so Adriano Pires, unabhängiger Berater in Sachen Energie und Infrastruktur. "Deshalb ist kein Land der Welt heute gut vorbereitet, um solche Fördertechnologien zu überwachen. Das haben wir im Golf gesehen, und jetzt auch hier in Brasilien." Um an das Pre-Sal-öl zu kommen, müsste man mehr als doppelt so tief bohren wie bei den bisher erschlossenen Feldern. Denn das Pre-Sal-öl liegt in 7.000 bis 8.000 Metern Tiefe, unter einer 200 bis 2.000 Meter dicken Salz- und einer mindestens genauso dicken Gesteinsschicht. In die Entwicklung der hierfür nötigen Fördertechnologie will der staatliche Energieriese Petrobras in den nächsten Jahren gut 250 Milliarden Dollar stecken. Das ganze ist also eine Herausforderung gigantischer Ausmaße. Zudem stelle sich die Frage, so Pires, wie die ANP zukünftig die hunderte oder tausende von Bohrplattformen überprüfen will. "Das Wissen über die Kontrolle der Technologie liegt eher in den Unternehmen als in den Kontrollbehörden," urteilt Pires.

ölbehörde fürchtet Protestbewegungen

Derzeit überarbeite ANP seine Notfallpläne, meint Haroldo Lima. Schließlich gehe es um sehr viel. "Dort, in jenen Meeren, in denen das Pre-Sal-öl liegt, kann ein Vorfall wie dieser, der ja eigentlich nicht so groß ist, dazu führen, dass das ganze Pre-Sal-Projekt gefährdet wird," alarmiert Lima. "Jedes Vorkommnis dort kann eine Protestbewegung zum Schutz der Umwelt auslösen, innerhalb und außerhalb Brasiliens. Diese Proteste könnten unsere verwegendsten Pläne in Brasiliens ölregionen gefährden, nämlich unsere Pläne für das Pre-Sal." Als erste Konsequenz sperrte ANP sämtliche Aktionen von Chevron und der Plattformbetreiberin Transocean. Erst wenn alle Fragen beantwortet und sämtliche Schäden von den Unternehmen behoben seien, könne man über eine Fortsetzung der Aktivitäten der Konzerne reden. Eine zukünftige Erlaubnis, an der Förderung des Pre-Sal-öls teilzunehmen, werde man den Unternehmen jedoch nicht erteilen.

Staatsanwaltschaft fordert Entschädigung von Chevron

Zudem erhob die Umweltbehörde IBAMA eine 50 Millionen Real Strafe gegen Chevron. Ohne jedoch auf erste Untersuchungsergebnisse zu warten, was die Rechtmäßigkeit der Strafe in Frage stellt. "IBAMA hat sich erst 20 Tage nach dem Unfall geäußert, und dabei noch den krassen Fehler begangen, eine Strafe zu verhängen bevor ein erstes Gutachten überhaupt vorlag," meint Dr. Aluizio. "Da hat sich wieder mal die Schwäche des brasilianischen Staates gezeigt." Vor einigen Tagen hatte zudem die Staatsanwaltschaft in der Stadt Campos eine Entschädigung von 20 Milliarden Reais von Chevron gefordert. Das Unternehmen hatte darauf mit der Erklärung geantwortet, man bekämpfe das immer noch aus dem Leck austretende öl derzeit in "verantwortungsvoller Art und Weise". Derzeit würden nicht mehr als die einem Fass entsprechende Menge täglich aus dem Bohrloch austreten. ANP autorisierte Chevron derweil, einen dritten Versuch zur vollständigen Schließung des Lecks mittels eines Spezialzements zu unternehmen.

Warum alles auf die Karte öl setzen?

Noch ist unklar, ob die 20 Milliarden Real Strafe tatsächlich verhängt werden kann. Denn immer noch fehlt es an einem Gutachten, das die wahren Ursachen für den Unfall erklären könnte. Dieses könnte in den nächsten Tagen von der Bundespolizei vorgelegt werden, die bereits gut 30 Zeugen zu dem Unfall angehört hat. Experten vermuten hinter der gigantischen Strafandrohung den Versuch, die ölförderung weiter zu nationalisieren und ausländische Unternehmen abzuschrecken. Das Fehlen ausländischen Kapitals und Technologie könnte jedoch das ganze Unternehmen "Pre-Sal" gefährden, warnen die Experten zugleich. Die riesigen Investitionssummen und Risiken, die die Pre-Sal-Förderung mit sich bringt, bringen jetzt schon so manchen zu alternativen Überlegungen über Brasiliens Energiezukunft. "Wieso investieren wir nicht auch so viel Geld in Biokraftstoffe, in Wind- und Solarenergie," fragt Experte Pires. "Wir sind doch das Schwellenland, das am weitesten bei Energie autark ist und die größte Auswahl an alternativen Energiequellen überhaupt hat. Wieso setzt man also alles auf die Karte öl? Lasst uns vielmehr all die anderen sauberen Energiequellen fördern, über die das Land bereits verfügt."

Autor: Thomas Milz