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Der bessere Gipfel "People's Summit"

Es soll das bessere Gipfeltreffen werden. Während im schicken, weit weg von den nüchternen Realitäten der Megastadt Rio de Janeiro gelegenen Stadtteil Barra da Tijuca Staats- und Regierungschefs aus aller Herren Länder zum UN-Gipfel Rio+20 zusammenkommen, findet ab Freitag mit dem "People´s Summit" ein Parallelgipfel der Zivilgesellschaft statt: ein erweitertes Weltsozialforum (WSF) unter Beteiligung der großen Umweltorganisationen wie Greenpeace, die in den vergangenen Jahren den regulären Foren ferngeblieben sind.

Bei dem Treffen im zentrumsnahen Stadtteil Flamengo sollen die unbequemen Themen zu Umweltschutz und Sozialpolitik inklusive der hoch aktuellen Kritik am kapitalistischen Finanzsystem angesprochen werden: also all das, was bei "Rio+20" aus diplomatischen Rücksichtnahmen unter den Tisch zu fallen droht.

Mit der Wahl des Standortes haben die Veranstalter bewusst ein Zeichen setzen wollen. Der "People´s Summit" sucht die Nähe der Bürger. Auch inhaltlich könnten die Gegensätze kaum größer sein. So stellt der alternative Gipfel unter dem Schlagwort der sozialen Gerechtigkeit eine alternative Landwirtschaft vor, die auf Kleinbauern und eine ökologische Wende auf dem Feld setzt. Im Gegensatz zu den staatstragenden Ansätzen einer auf Technologie fixierten "Green economy", die nach Meinung vieler Kritiker lediglich die noch effizientere Ausbeutung der natürlichen Ressourcen unter einem grünen Mäntelchen bedeutet, will der "People´s Summit" von den kapitalistischen Marktreflexen wegkommen.

"Das große Drama des gegenwärtigen kapitalistischen Systems ist die Rolle der Privatunternehmen mit ihrem Profitdenken", resümiert der Brasilianer Chico Whitaker, einer der Mitbegründer des Weltsozialforums. "Und das ist auch das Drama von Veranstaltungen wie Rio+20 - die Großunternehmen haben die Vereinten Nationen längst übernommen." Hinter der "Green economy" versteckten sich die Marktinteressen dieser Unternehmen, so der alternative Aktivist - und das werde zu einer Zunahme der Privatisierung der Natur führen. Ein Paradigmenwechsel sei nötig, der die tatsächlichen Bedürfnisse der Menschen nach einer globalen Verteilungsgerechtigkeit berücksichtigt, und nicht nur eine Gewinnmaximierung weniger multinationaler Unternehmen.

Auch oft gehörte und selten verstandene Schlagworte wie die "nachhaltige Entwicklung" sollen auf dem Alternativgipfel hinterfragt werden. "Wir müssen endlich verstehen, dass die nachhaltige Entwicklung ein Dreibein ist", meint Joao Paulo Capobianco, einst Staatssekretär im brasilianischen Umweltministerium. "Wir müssen stets auch auf die soziale Dimension schauen, genau wie auf die wirtschaftliche Nachhaltigkeit und die Umweltverträglichkeit." Capobianco, der bereits am Gipfel 1992 in Rio teilnahm, zeigt sich enttäuscht von der mangelnden Umsetzung der auf den früheren UN-Gipfeln beschlossenen Ziele. "Wir können hier noch so tolle Ergebnisse formulieren - es mangelt an der politischen Führung, um sie auch tatsächlich umzusetzen."

Fraglich ist noch, inwieweit der "People´s Summit" neue politische Strömungen wie die Occupy-Bewegung integrieren kann. Diese waren den vergangenen Weltsozialforen ferngeblieben - vielleicht auch, weil für viele Jugendliche die alten Denkmuster von rigoroser Kapitalismuskritik nicht mehr funktionieren. Es bleibt abzuwarten, welche neuen Ansätze der bis 23. Juni dauernde Alternativgipfel in dieser Beziehung liefern kann. Eins scheint schon sicher: Bunter und offener als im bürgerfernen, von Tausenden Polizisten und Soldaten isolierten Gipfel im "Riocenter" wird es allemal.

Quelle: Thomas Milz, KNA