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Der Aids-Musterschüler

Brasilien gilt weltweit als ein Musterschüler bei der Bekämpfung von HIV/Aids. Seit Mitte der 90er Jahre verteilt die Regierung über das öffentliche Gesundheitssystem kostenfrei einen Medikamentencocktail an Infizierte. Zudem investiert Brasilia in Aufklärungskampagnen und lässt landesweit in großer Zahl Kondome verteilen. Allerdings ist das System noch keineswegs perfekt, kritisieren Nichtregierungsorganisationen.

Seit Ende 1996 werden die Medikamente über öffentliche Gesundheitsposten und Krankenhäuser an Patienten abgegeben. Ein Rat aus Wissenschaftlern analysiert jährlich die Fortschritte bei der Bekämpfung der Epidemie und ändert den Medikamentencocktail. Neu entdeckte Wirkstoffe werden aufgenommen, entweder in regierungseigenen Laboren hergestellt oder aus dem Ausland zugekauft.

Dabei hat die Regierung nicht den offenen Konflikt mit Pharmaunternehmen gescheut, die sich unter Berufung auf internationales Patentrecht gegen die brasilianische Produktion der Mittel stemmten. Brasilia verweist jedoch auf das Recht, sich in Notfallsituationen wie Epidemien über den Patentschutz hinwegsetzen zu dürfen. Mittlerweile verfügt das Land über eigene potente Laboratorien, die in großem Maßstab Medikamente für die Regierungsprogramme bereitstellen.

Kein öffentliches Groß-Event ohne Verteilung von Kondomen

Noch 1990 schätzte die Weltbank, dass Brasilien bis zum Jahr 2000 mit gut 1,2 Millionen Neuinfektionen rechnen müsse. Am Ende infizierten sich bis zur Jahrtausendwende „lediglich“ rund 600.000 Personen. Ein Grund für die überraschend niedrigen Zahlen ist der Erfolg staatlicher Aufklärungskampagnen. Obwohl die Bereitschaft zur Benutzung von Kondomen in dem südamerikanischen Land traditionell niedrig war, konnte ein Großteil der Bevölkerung dafür sensibilisiert werden. So benutzen heute mehr als die Hälfte aller Jugendlichen beim „ersten Mal“ ein Kondom. Kein öffentliches Groß-Event läuft in Brasilien mittlerweile ohne eine kostenlose Verteilung von Präservativen ab.

Grund zum Zurücklehnen kann aber trotz der Erfolge nicht herrschen. Nichtregierungsorganisationen warnen vor Unzulänglichkeiten des öffentlichen Gesundheitssystems. So leiden öffentliche Krankenhäuser unter einer gefährlichen Unterfinanzierung bei Vorsorge und Behandlung. Es mangelt an Grundausstattung der Hospitäler, die den Patienten zwar den Medikamentencocktail zur Verfügung stellen, relativ „einfache“ Behandlungen jedoch wegen Mangels an Geld und Ausrüstung nicht durchführen können. Oft warten Patienten wochenlang auf einen Behandlungstermin. Seit Jahren wird im Kongress darum gerungen, die öffentlichen Mittel für das Gesundheitssystem aufzustocken - bislang jedoch vergeblich.

Quelle: kna