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Denkanstoß zum Welttag der sozialen Gerechtigkeit

Blick in die Favela Cachoeirinha in der brasilianischen Wirtschaftsmetropole São Paulo. Foto: Escher
Blick in die Favela Cachoeirinha in der brasilianischen Wirtschaftsmetropole São Paulo. Foto: Escher

Die Globalisierung macht alle gleich. Sie mehrt den Wohlstand in der Welt und lässt sie kleiner erscheinen: Die Welt als ein Ganzes. Tatsächlich gleichen Menschen sich in ihrem Äußeren: Es gibt kein Land, in dem nicht Jeans und T-Shirts getragen werden. In den Radios erklingen dieselben Lieder und im Fernsehen gleichen sich die Sendungen. In den Wohnzimmern ist die Welt zuhause: TV- und Musikanlagen aus Japan und Hongkong, Möbel aus Schweden und Teppiche aus Indien. Die Internetverbindung eines Smartphones öffnet die Welt sogar in unserer Hand.

Realität ist aber, dass die Globalisierung zur Verstärkung der sozialen Ungerechtigkeit in der Welt beiträgt. Da den ärmeren Ländern der Zugang sowohl zu Kenntnissen zur Entwicklung von Kernkompetenzen als auch zu finanziellen Ressourcen versperrt ist, haben sie weniger Möglichkeiten, Innovationen zu entwickeln: Diese monopolistischen Vorteile, die ausschlaggebend für eine erfolgreiche Position im weltweiten Wettbewerb sind, machen es den Ländern unmöglich, im ständigen Konkurrenzkampf mitzuhalten.

Der zunehmende Protektionismus verhindert zusätzlich das Wachstum dieser Länder. Subventionen, die vor allem in den Industrieländern im Bereich der Agrarpolitik vergeben werden, beeinträchtigen die Konkurrenzfähigkeit der Produkte aus den Entwicklungsländern. Ein Beispiel hierfür ist Mexiko: 1994 schloss es sich mit den USA und Kanada zu der Nordamerikanischen Freihandelszone (NAFTA) zusammen. Mexiko erleidet jedoch vor allem in dem Wirtschaftszweig der Landwirtschaft durch die Subventionierung amerikanischer Farmer erhebliche Nachteile, sodass die mexikanischen Landwirte kaum noch Gewinne einfahren, da sie ihre Produktionskosten nicht abdecken können.

Auf der anderen Seite unterstützt die Globalisierung die Idee der Arbeitsteilung und ermöglicht somit die Ausnutzung von Skaleneffekten und die Verwirklichung komparativer Kostenvorteile im freien Welthandel. Die zunehmende Internationalisierung auf den Wirtschaftsmärkten kommt nicht nur multinationalen Unternehmen zugute, sondern auch den Ländern. So konnte Brasilien in den letzten Jahren seine Attraktivität für Auslandsinvestitionen aufgrund seiner Bodenschätze, seiner florierenden Landwirtschaft und seines starken Binnenmarktes steigern und sein Wirtschaftswachstum deutlich verstärken, um selbst in den Rang eines Global Players aufzusteigen. Das Wirtschaftsinstitut „Center for Economic and Business Research“ berichtete im Dezember 2011, Brasilien habe Großbritannien den Rang als sechstgrößte Volkswirtschaft abgelaufen. Den rasanten Anstieg verdankt Brasilien seiner Größe und seinem Ressourcenreichtum, die es ihm ermöglichen führender Exporteur bei Sojabohnen, Eisenerz, Hühnerfleisch, Kaffee und Orangensaftkonzentrat zu sein.

Der Titel als Agrarsupermacht jedoch hat den Preis, dass immer mehr Monokulturen innerhalb des Landes entstehen und die Ökologie aus dem Gleichgewicht gerät. Der wachsende Exportbedarf fordert die Vertreibung der bisherigen Bewohner von der benötigten Anbaufläche ein. Die nun heimatlosen Menschen strömen in die Städte und lassen sich in den Favelas nieder. Dort beginnt für sie ein täglicher Überlebenskampf: Nicht nur die mangelhaften hygienischen Verhältnisse und Infektionen stellen eine Bedrohung dar, sondern auch die ständige Eskalation von Gewalt und der zunehmende Drogenkonsum. Um die Ernährung der ganzen Familie abzusichern, müssen schon die Kleinsten helfen, Geld zu beschaffen: entweder durch Betteln, durch niedere Arbeiten oder Prostitution. Damit zeichnet Brasilien das perfekte Bild der Globalisierung: Prunkvolle Hochhäuser neben heruntergekommenen Hütten. Das größte Land Lateinamerikas erzielt beträchtliche Exportüberschüsse, gleichzeitig suchen Tausende von Familien einen Landflecken, um sich ernähren zu können.

Die katholische Soziallehre weist darauf hin, dass es nicht nur alleine darum geht, alle Völker auf das Niveau reicher Industrieländer zu bringen. Denn wirtschaftliches Wachstum bedeute nicht auch gleichzeitig Nutzen und Wohlstand für die Gesamtbevölkerung. Stattdessen sollte eine solidarische Zusammenarbeit erfolgen, um ein menschenwürdiges Leben für alle aufzubauen und die drohende Wohlstandsverteilung als Konsequenz der Globalisierung zu verhindern.

Zaneta Weissbrich