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Dauerregen, Dürre und politische Inkompetenz

Während im Süden Brasiliens eine lang anhaltende Dürre große Teile der Ernte vernichtet hat, regnet es im Südosten seit Wochen überdurchschnittlich stark. Experten sehen die Wetterkapriolen, die in ähnlichem Ausmaß verstärkt in den letzten Jahren aufgetreten sind, als Vorboten des Klimawandels. Zwar gehörten sowohl periodisch auftretende Dürreperioden wie auch monsunartige Regenfälle zu den im Sommer normalen Wetterbedingungen. Allerdings sei die Häufig- und Heftigkeit derartiger Ereignisse in den letzten Jahren aufgrund der Erderwärmung angestiegen. Weder für die Dürre im Süden wie für den Regen im Südosten kann derzeit Entwarnung gegeben werden, genauso wenig wie für die augenscheinliche Inkompetenz der zuständigen Politiker bei der Behebung von Schäden oder bei der Katastrophenvorsorge.

Vier bis fünf Tonnen Ernteausfall

In Brasiliens südlichstem Bundesstaat Rio Grande do Sul herrscht seit Wochen Trockenheit. Hierfür sei das Wetterphänomen "La Nina" verantwortlich, so Experten. Bei "La Nina" kommt es zu einer Abkühlung in der Region um den Äquator im östlichen Pazifik, was zu Trockenheit in Südbrasilien führt. Dies sei das Gegenphänomen zu "El Nino", bei dem es zu einer Erwärmung des Pazifiks und damit zu stärkeren Regenfällen in Südbrasilien kommt. Beide Phänomene seien altbekannt und nicht auf den Klimawandel zurück zu führen, so der Klimaforscher Dr. Carlos Nobre vom staatlichen Forschungsinstitut INPE. Allerdings sei die Häufung und die Intensität von extremen Dürren, wie jetzt im Süden, und überdurchschnittlich heftigen Regenfällen, wie derzeit im Südosten, in den letzten Jahren als Auswirkungen der allgemeinen Erderwärmung zu verstehen, so Nobre.

Vier bis fünf Millionen Tonnen Ernteausfall, hauptsächlich bei Soja und Mais, erwarten Landwirte im Süden. Ein Verlust von gut 20 Prozent, der einen Schaden von etwa zwei Milliarden Reais mit sich bringt. In Rio Grande do Sul ist es in den letzten Jahren immer häufiger zu unnatürlich langen Trockenperioden gekommen. Besonders schlimm war hierbei die Trockenheit um die Jahreswende 2005/6, die zu Rekordverlusten in der Landwirtschaft führte. Die jetzige Dürre könnte neue Rekorde aufstellen, falls es im Januar nicht zu den erwarteten Niederschlägen kommen sollte.

Überschwemmungen im Südosten

Während man im Süden noch auf sie wartet, plagen Regenfälle seit über einem Monat den Südosten. Besonders betroffen sind die Bundesstaaten Minas Gerais, Espirito Santo und Rio de Janeiro. Seit Ende November kam es zu oft Tage langen Niederschlägen, in deren Verlauf Berghänge abrutschten. Im Bundesstaat Rio de Janeiro sind bisher 22 Menschen ums Leben gekommen, Tausende wurden obdachlos. In Regionen von Minas Gerais und Espirito Santo wurde nach Überschwemmungen der Notstand ausgerufen. Vor einem Jahr war es in den Bergregionen nördlich der Millionenstadt Rio de Janeiro zu Überschwemmungen und Erdrutschen gekommen, denen mindestens 918 Menschen zum Opfer fielen.

Neue Brücken lassen auf sich warten

Die Arbeit der Landesregierung von Rio de Janeiro bei der Behebung der damals angerichteten Schäden war in den letzten Tagen unter starke Kritik geraten. Die Zeitung "O Globo" berichtete, dass von den 75 letztes Jahr beschädigten Brücken in der Region bisher lediglich eine einzige erneuert worden war. Zudem habe die Landesregierung keine einzige Aktion in den nach der Katastrophe von Januar 2011 ermittelten 170 Gefahrenzonen durchgeführt. Hier sollten eigentlich Bewohner umgesiedelt werden. Auch die 5.000 von der Regierung für die gut 9.000 Obdachlosen der letztjährigen Überschwemmungen zugesagten neuen Wohnungen sind nicht fertig gestellt worden. Erst im März sollen die ersten Einheiten übergeben werden.

Bereits im Verlauf des letzten Jahres war das Krisenmanagement einiger Städte in der Bergregion Rio de Janeiros in die Schlagzeilen geraten. So wurden mehrere Bürgermeister ihres Amtes enthoben und einige sogar vor Gericht gebracht, weil sie Hilfsgelder der Bundesregierung für die Opfer der Katastrophe unterschlagen haben sollen. Nach der Katastrophe von Januar 2011 hatte die Bundesregierung in Brasilia insgesamt 910 Millionen Reais für Wiederaufbau und die Versorgung der Opfer versprochen. Bis Ende Dezember wurde jedoch lediglich die Hälfte dieser Summe tatsächlich in die betroffenen Regionen überwiesen. Gründe hierfür gab die Regierung nicht an. Tausende Familien, die seit einem Jahr in Notunterkünften oder in ihren beschädigten Häusern ausharren, hatte vor einer Wiederholung der Ereignisse gezittert. Allerdings blieb die Bergregion von Rio dieses Mal verschont, da die Regenfälle sich auf nördlichere Regionen konzentrierten.

90 Prozent der vorgesehenen Gelder für andere Zwecke eingesetzt

Staatspräsidentin Dilma Rousseff brach vor wenigen Tagen wegen der Regenfälle ihren Sommerurlaub frühzeitig ab. Zurück in der Hauptstadt Brasilia beriet sie mit Ministern Notfallpläne für die Opfer. Gleichzeitig musste sich Dilma neben den Wetter- auch wieder einmal mit politischen Kapriolen eines ihrer Minister herum schlagen. So wurde bekannt, dass der für den Kampf gegen Überschwemmungen zuständige "Minister für die Nationale Integration" wohl aus Wahlkampfgründen nahezu 90 Prozent aller hierfür vorgesehenen Haushaltsmittel in den nordöstlichen Bundesstaat Pernambuco gelenkt hatte. Angeblich will besagter Minister im Oktober in Pernambucos Hauptstadt Recife für das Bürgermeisteramt kandidieren.

Dabei waren die von der Bundesregierung für Vorsorgemassnahmen gegen Überschwemmungen in 2011 gebilligten Mittel mit 29 Millionen Reais, etwas mehr als zehn Millionen Euros, sowieso schon recht bescheiden ausgefallen. Und das nachdem fast 1.000 Menschen vor einem Jahr ihr Leben in den Regenfluten verloren. Auch jetzt wieder haben Landes- wie Bundesregierung Soforthilfen in Millionenhöhe den betroffenen Regionen zugesagt.

Autor: Thomas Milz