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Das Megaprojekt Belo Monte und seine Folgen

Die Große Schleife des Rio Xingu ist ein magischer Ort. Mächtige Felsbrocken bilden Wirbel im Wasser, Baumkronen ragen aus den Fluten. "Das Haus der Götter" nennen die Indigenen ihren Fluss. "Für uns ist er wie Vater und Mutter, er gibt uns Wasser, Nahrung, Medizin, ist unser Leben", sagt Osimar Juruna (43); er ist hier geboren und aufgewachsen. Doch das von der Regierung vorangetriebene Megaprojekt Belo Monte, der bald drittgrößte Staudamm der Welt, wird dem Xingu hier das Wasser abdrehen - und die Stadt Altamira fluten.

Osimars Boot kommt an die von kleinen Inseln durchzogene Stelle, wo der riesige Damm den Fluss aufstauen soll. "Unsere Kultur steht auf dem Spiel", sagt er. An einem Nebenarm erscheint die erste aus Steinen aufgeschüttete provisorische Staumauer. Dahinter verrichten Lastwagen und Bagger ihre Arbeit. Motorenlärm dringt durch das Grün des Waldes. Ein Patrouillenboot des Baukonsortiums Norte Energia stoppt Osimar. "Du darfst hier nicht anlegen, das ist Sperrgebiet." Es folgt ein bizarres Streitgespräch: "Sag deinem Boss, dass ich und mein Volk schon immer über diesen Fluss gefahren sind." - "Befehl ist Befehl" - "Ich lass´ mir von euch keine Befehle geben!" Wütend dreht Osimar ab.

Die Indigenen von Osimars Stamm leben in ihrem Reservat unterhalb der künftigen Staumauer. Im Dorf Pakisamba, wo 60 Angehörige des Stammes leben, bleiben schon die Fische aus. "Sie vertragen die Verunreinigung nicht", berichtet Anführer Marin Felix Juruna. Durch die Bauarbeiten ist der einst kristallklare Fluss verschlammt. Und wenn der Damm steht, wird er zu einem Rinnsal werden.

Norte Energia hat versprochen, den Juruna-Stamm zu entschädigen. Doch die Schule, den Gesundheitsposten und Hilfsgelder gibt es nur auf dem Papier. Nur eine nicht funktionierende Solaranlage bleibt den Indigenen. Einige Jugendliche sind bereits in 80 Kilometer entfernte Altamira gegangen. "Doch in den Städten warten Drogen, Prostitution und keine Arbeit." Man verliert sich im Leben.

"Früher waren alle Indigenen hier gegen Belo Monte", sagt Marin. Seit 1988 wird gekämpft; jetzt bröckelt die Front. Norte Energia korrumpiert mit Geld. "Unsere Anführer, die in der Stadt sind und am Geld hängen, haben schon die Seiten gewechselt." Von der Regierung erwartet man nichts. Keine der Auflagen, an die die Erteilung der Umweltlizenz gebunden war, seien bisher erfüllt worden. Trotzdem frisst sich der Bau immer weiter in den Wald. "Die Starken besiegen stets die Schwachen." Aufzuhalten sei der Bau nicht. "Was wird aus unseren Kindern und Enkeln?" Osimar hat seine sieben Kinder bereits nach Altamira gebracht. Marins erwachsene Töchter sind auch schon weg; nur der kleine Cassiano ist geblieben.

Baukonsortium und Regierung verneinen negative Auswirkungen für die Indios. Schließlich werde ihr Gebiet nicht durch den 500 Quadratkilometer großen Stausee überflutet. Dass der Fluss stirbt, zählt nicht. Daher gab es auch keine öffentlichen Anhörungen, wie sie die Verfassung eigentlich vorsieht. Seit vielen Jahren beklagt der Bischof von Altamira, Erwin Kräutler, die fehlende Bürgerbeteiligung. Umsonst. Der See wird ein Drittel von Altamira überfluten: 13 Stadtteile, darunter Acaizal. Geschäfts- und Wohnhäuser, nahe am Zentrum gelegen. "Kein Politiker hat sich bislang blicken lassen, weder die Bürgermeisterin noch die Abgeordneten", sagt Antonia Melo, Koordinatorin der Nichtregierungsorganisation "Xingu Vivo para sempre".

"Ich wüsste gerne, was man mir für mein Haus geben wird", sagt Antonio Silva de Almeida, der seit 40 Jahren hier lebt. Dreimal kamen die Ingenieure von Norte Energia und fragten, ob er eine Abfindung oder ein neues Haus wolle. Wieviel sie zahlen oder wo das neue Haus stehen wird, sagten sie nicht. Trotzdem müsse er sich sofort entscheiden. Das Haus ist alles, was er hat - und mit fast 70 Jahren kann er nicht noch mal neu anfangen.

Nachbar Helio Melo hat einige Stockwerke seines Geschäftshauses vermietet. "Sie wollen mir dafür ein neues Haus mitten im Urwald geben." Wo seien ihre Menschenrechte? Seit Baubeginn haben sich die Grundstückspreise verdreifacht; die Stadt boomt durch Tausende Arbeiter. "14 Klagen liegen gegen das Projekt vor, doch die Justiz schweigt", so Antonia Melo: "Wer schweigt, stimmt den Verbrechen zu."

Eine Stunde Autofahrt weiter liegt das Fischerdorf Santo Antonio. Bis auf acht Familien sind bereits alle weg. Die Häuser hat Norte Energia sofort abgerissen; "Nicht betreten"-Schilder überall. Elio Alves da Silva ist der Präsident der Anwohner. Weinend steht er am Fluss. "Wir waren eine Gemeinschaft, sind hier zusammen aufgewachsen, haben unsere Kinder groß gezogen. Und jetzt weiß ich nicht mal, wo meine Freunde wohnen." Verstreut über die Region snd sie, auseinandergerissen. Viele haben die geringen Abfindungen akzeptiert, als man ihnen mit jahrelangen Gerichtsverfahren drohte. Geld für Anwälte hat nur Norte Energia. Neben dem Dorf fressen sich Bagger ins Erdreich. Der Xingu wird umgeleitet, die Große Schleife trockengelegt.

"Ich fühle mich, als ob ein Teil von mir hier zerstört wird," sagt Ana Laide Soares Barbosa vom katholischen Indio-Missionsrat CIMI. Sie betreut die letzten Anwohner von Santo Antonio. Ein Leben lang hat die Tochter eines Fischers gegen die Zerstörung der Amazonasregion gekämpft. "Erst war es die Großfischerei, die unseren Lebensraum bedrohte, dann kamen die Soja-Bauern und die riesigen Viehherden. Und jetzt zerstört man die Flüsse." Mindestens zwölf Milliarden Euro verbaut die Regierung in Belo Monte. Dabei wird es die maximale Kapazität von 11.000 Megawatt nur bei Hochwasser erreichen. Im Jahresdurchschnitt werden es nur 4.000 sein.

"So viel Geld für so wenig Energie - das lohnt sich eigentlich gar nicht." Ana Laide vermutet andere Interessen. "Hier gibt es Gold und Erze, und durch den Kanal könnte der Xingu ganzjährig für den Soja-Transport schiffbar gemacht werden." Hass auf die Bauarbeiter empfinde sie nicht. "Auch sie sind bloß Opfer, sind hierher gekommen, um sich einen Traum zu erfüllen. Und jetzt arbeiten sie für 240 Euro im Monat und leben in Altamira unter erbärmlichen Konditionen." Das "Haus der Götter" füllt sich immer mehr mit Opfern des sogenannten Fortschritts.

Quelle: Thomas Milz, KNA