Bolivien |

Das Medien-Märchen vom Coca-Cola-Rausschmiss

Die Zeitungsente machte weltweit die Runde: Ende des Jahres muss der US-Getränkekonzern Bolivien verlassen. Ein Halbsatz von Außenminister David Choquehuanca über das »Ende vom Kapitalismus« und Coca Cola hat Journalisten weltweit ins Abseits laufen lassen.

Die Bemerkung des bolivianischen Außenministers fiel Mitte Juli am Rande einer Flughafeneröffnung in der Kleinstadt Copacabana. An den Ufern vom Titicaca-See, Jahrtausende altes Heiligtum der Hochlandkultur und beliebter Touristenmagnet, erklärte der Linkspolitiker zum bevorstehenden Ende des Maya-Kalenders: »Der 21. Dezember 2012 ist das Ende von Egoismus und Teilung. Der 21. Dezember muss das Ende von Coca-Cola und der Beginn des Mocochinchi sein«, so die blumige Wortwahl des ersten indigenen Außenministers der Andennation. Nicht das Ende der Welt drohe, wie von vielen Maya-Apokalyptikern prophezeit, sondern eine Zeit »der Liebe, der Brüderlichkeit« und der »Kultur des Lebens« sei die Zukunft, wies Choquehuancas Blick nach vorn.

Angstmache vorm sozialistischen Mocochinchi-Staat

Medien weltweit machten aus den Worten des Politikers ihre ganz eigene Geschichte. Von »Bolivien wirft Coca-Cola aus dem Land« bis »Bolivien bannt die Kapitalistenbrause« verbreiteten Journalisten das Märchen vom konsumfeindlichen und autoritären Mocochinchi-Staat. Die Linksregierung der »Bewegung zum Sozialismus« (MAS) stünde im »offenen Kampf« mit den Getränkeherstellern aus den USA. Coca-Cola werde von Präsident Evo Morales als anti-amerikanisches Feindbild aufgebaut, rauschte es ohne Hintergrundrecherche im internationalen Blätterwald. Das Verbot sei ein »Ablenkungsmanöver von Präsident Morales«, der mit Populismus »verlorenes Vertrauen« seiner Wählerschaft wettmachen wolle, so eine andere Interpretation aus der Ferne. Bolivianer müssten, so die einhellige Meinung, von nun an auf Coca-Cola verzichten. Auf Anordnung des Präsidenten gelte Mocochinchi-Zwang.

Bolivianischer Küchenstolz

Das war nicht einmal die halbe Wahrheit. Natürlich ist das beliebte Pfirsich-Getränk im 10-Millionen-Einwohnerland Sinnbild bolivianischer Küche und kulinarischer Eigenständigkeit. An jeder Straßenecke ist Mocochinchi zu haben. Getrunken vom Bauarbeiter bis zum Büroangestellten, in den Anden wie im Amazonas, servieren mobile Verkäufer Boliviens »Urgetränk«. Eiskalt, knallsüß und mit Zimt. Dass es Produkte aus dem Westen neben den Köstlichkeiten der heimischen Küche schwer haben, diese bittere Erfahrung mussten Fast-Food-Ketten wie McDonald´s und Burger King machen. Mangels Akzeptanz in der breiten Kundschaft hat der Restaurantbetreiber mit dem Clown seine letzten Filialen längst geschlossen. Auch die Geschäfte seines direkten Konkurrenten krebsen in Bolivien nur dahin – zu teuer und zu wenig schmackhaft für Geldbeutel und Gaumen der bolivianischen Klientel. Zu sehr setzen Boliviens Köche auf frische Zutaten. Um die verwöhnten Genießer von La Paz bis Santa Cruz zufrieden zu stellen reicht ein pappiger Hamburger im trockenen Brot nicht aus.

Sommerloch, Polit-Kampagne oder Rassismus?

An einen von oben dekretierten Lizenzentzug für Coca-Cola aber, wie seit Wochen teils sensationalistisch, teils hämisch kolportiert wird, wurde im Regierungspalast Palacio Quemado zu keinem Zeitpunkt nachgedacht. Nicht jede Falschmeldung kann kommentiert werden, auch nicht im nachrichtenarmen Sommerloch. Ende der Woche aber zog La Paz die Notbremse. Zu groß war die Reichweite der Zeitungsente. »Die Regierung hat zu keinem Zeitpunkt daran gedacht derartige Maßnahmen zu ergreifen, noch in Betracht gezogen, gegen das private Unternehmen Coca Cola vorzugehen«, versicherte Presseministerin Amanda Dávila. Der Außenminister habe »eine Metapher« gebraucht. Diese sei von Journalisten aus dem Zusammenhang gerissen worden. »Zudem glauben wir dass hinter dem Thema eine rassistische Haltung einer kleinen, regierungsfeindlichen Gruppe steht«, vermutet Dávila die Streuung von Falschmeldungen. Das »indigene Denken« sei von »verschiedenen Medien absichtlich nicht verstanden worden«. Mario Yaffar, Präsident des Industriellen-Verbandes von La Paz beschwerte sich über die »Verzerrung« von Informationen. Schließlich dementieren auch die Getränke-Brauer selbst jegliche Rausschmiss-Pläne: »In Bolivien ist Coca-Cola Teil der Gesellschaft, schafft Arbeitsplätze und Einkommen für tausende von Kunden, Vertreiber und Angestellte und erfrischt die Menschen seit 1941«.

Text: Benjamin Beutler

Das Tor nach La Paz - in den 70ern grüßte noch Coca Cola von den Eingangpfeilern. Foto: Flickr/Aquistbe