Uruguay |

Das Land, das seine indigenen Wurzeln leugnet

Die Charrúa besinnen sich auf ihre kulturelle Identität und fordern die Anerkennung ihrer Rechte als indigenes Volk. Foto: <a external="1" title="Opens external link in new window" target="_blank" href="https://www.flickr.com/photos/syrduav/">Stéphanie Vé</a>, <a external="1" title="Opens external link in new window" target="_blank" href="https://www.flickr.com/photos/syrduav/35786400443/in/photolist-WwjE5c-abD3R5-XFMhfN-PiVtj-WwkfqM-4BxQjS-644YV2-uYSqTg-CT9nqm-ZLSakK-DxktUg-fQJUYE-fNmSca-WwjEw4-fQJV9b-DxaEgP-BTgwiE-fQxANR-fQxAAr-fQJVdf-fQxAN8-fNmS7p-fNDqLQ-fNmSbc-fNDqTw-XKRyAv-WwjDmP-Wwk9iB-X9PEQo-WVzGHn-XKRyvR-4KayFe-fNDqRL-6CiN1k-fNDr49-fNDqY9-fNDr3Q-fNDr8S-D8WjFn-WwjDhv-ngBz9W-Bwih9Z-4vqGat-7L5wy5-hhYw7-WwjERn-7L5wCJ-7L5wVw-7L1yrT-7L5wHy/">Charruas.</a>, <a external="1" title="Opens external link in new window" target="_blank" href="https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/4.0/deed.de">CC BY-NC-ND 4.0</a></p>
Die Charrúa besinnen sich auf ihre kulturelle Identität und fordern die Anerkennung ihrer Rechte als indigenes Volk. Foto: Stéphanie Vé, Charruas., CC BY-NC-ND 4.0

2.000 der 3,5 Millionen Uruguayer bezeichnen sich heute als Charrúa. Das inzwischen eigentlich sozial fortschrittliche Land bekennt sich nach wie vor nicht zu der Gewalt, die die Vorfahren der Indigenen erlitten.

Die Charrúa fordern ein Bekenntnis des Staates zu dem planmäßig vollzogenen Massaker im 19. Jahrhundert. Neue genetische Untersuchungen brechen zudem mit dem Irrglauben, die Bevölkerung Uruguays habe fast ausschließlich spanische und italienische Wurzeln, wie die spanische Zeitung „El País“ in einem Artikel schreibt.

Kulturelle Fremdaneignung der Charrúa in der Alltagssprache

Das Jahr 1831, in dem das Massaker von Salsipuedes stattfand, gilt als jenes, welches das Ende der Chárrua markiert. Doch das hält die Mehrheitsgesellschaft nicht von schamloser kultureller Fremdaneignung ab. So wird Uruguays Fußballnationalmannschaft auch als die Charrúas bezeichnet. Zudem gibt es in der Umgangssprache einige Redewendungen, in denen das Wort "Charrúas" fortlebt. Den Prozess, in dem die wenigen Nachfahren an die Kultur anknüpfen, bezeichnet der Anthropologe Miguel Alberto Bartolomé als „Etnogénesis“.

Die Charrúa hätten lange ihre Identität verborgen, um Diskriminierungen zu entgehen. Die internationale Anerkennung indigener Gemeinschaften und der Stolz auf die Zugehörigkeit zu ihrem Volk hätten inzwischen aber zu einer Rückbesinnung auf die Geschichte geführt. 2005 wurde der Interessenverband Consejo de la Nación Charrúa (CONACHA) gegründet, dem heute zehn Organisationen aus ganz Uruguay angehören. Zu den wichtigsten Anliegen zählen die offizielle Anerkennung der indigenen Bevölkerung seitens des Staates sowie die Ratifizierung des Übereinkommens 169 der Internationalen Arbeitsorganisation ILO, das die Rechte der indigenen Völker garantiert.

Agrarlobby fürchtet Landansprüche

Es geht um die Stärkung der indigenen Kultur, eigene Institutionen und die Beteiligung an Entscheidungen, welche die Charrúa betreffen. Bei alldem wirft die Vergangenheit ihren langen Schatten. Das Massaker von Salsipuedes soll nach dem Willen der Indigenen endlich als Genozid bezeichnet werden. In Südamerika ist Uruguay das einzige spanischsprachige Land, das das Übereinkommen 169 noch nicht ratifiziert hat neben Guyana, Französisch-Guayana und Surinam. CONACHA-Führungsmitglied Martín Delgado Cultelli führt dies darauf zurück, dass Uruguay auf Grundlage eines Genozids entstanden sei und die Existenz der Ureinwohner verleugne. Zudem übe die uruguayische Agrarlobby Druck aus, da ihr die Rückgabe von Land an die Indigenen drohe.

Mythos des europäischstämmigen Uruguay löst sich auf

Beim Zensus 2011 bezeichneten sich fast 5 Prozent der Uruguayer als indigen. 1996 waren es lediglich 0,4 Prozent, 2006 wuchs ihre Zahl auf 2,9 Prozent. DNA-Untersuchungen haben zudem ergeben, dass Uruguays offizielle Lesart der nationalen Identität nichts mit der Realität zu tun hat. Demzufolge weist ein Drittel der Bevölkerung indigene Abstammung auf - nicht nur von den Charrúa, sondern etwa auch von den Guaraní.

Diese Thematik wird demnächst ein Dokumentarfilm aufgreifen, dessen Titel „El país sin indios“ („Das Land ohne Indigene“) das nationale Selbstverständnis Uruguays aufs Korn nimmt. Die Regisseure Nicolás Soto und Leonardo Rodríguez zeigen, wie die gewaltsame Vergangenheit das heutige Uruguay und seine Identität geformt hat. Die Filmemacher bezeichnen sich als Bürger eines Staates, der bis in die Gegenwart nicht den Genozid an den Ureinwohnern anerkannt hat. Infolge der Verleugnung und der Nichtanerkennung der indigenen Bevölkerung Uruguays setze sich der Ethnozid quasi fort.

Quelle: El Pais, deutsche Bearbeitung: Bernd Stößel