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"Das ist ein Wunder Gottes"

Copiapo. Die Füße zittern, die Hände suchen irgendwo halt: Es sind unendlich lange 15 Minuten und 42 Sekunden bis Florencio Ávalos Silva (31) endlich an die Erdoberfläche kommt. Jetzt, um 0.11 Uhr Ortszeit am 13. Oktober 2010 steht fest, dass das Drama in der chilenischen Gold- und Kupfermine
San Jose ein glückliches Ende nehmen wird. Ávalos ist der erste der seit dem 5. August eingeschlossenen 33 Bergleute, der in der Nacht zum Mittwoch in der wohl spektakulärsten Rettungsaktion in der Geschichte des Bergbaus aus ihrem Gefängnis 624 Meter tief unter der Erde befreit wird.

"Großartige Arbeit, Großartige Arbeit"

Ávalos trägt einen grünen Rettungsanzug und eine dunkle Schutzbrille. Er sieht erstaunlich gefasst aus, als er seine Frau und seinen Sohn in die Armee nimmt. Andere sind weniger gefasst. Chiles First Lady Cecilia Morel wird von ihren Tränen übermannt. Ihr Mann, Staatspräsident Sebastian Pinera, hatte schon ein paar Minuten später nicht oft genug sagen können, was er fühlte. "Großartige Arbeit, Großartige Arbeit", sagt Pinera immer wieder und schüttelt den Experten und vor allem Bergbauminister Laurence Golborne die Hände. Ihn erreichen minütlich Glückwünsche aus aller Welt: US-Präsident Barack Obama, Brasiliens Staatschef Lula und noch viele mehr zählt Pinera auf. Er weiß: Das glückliche Ende des Grubendramas ist gut für das Land. Chile managte die Krise professionell, sachlich und erfolgsorientiert.

Emotionaler Härtetest

Für die Familienangehörigen wird die letzte Etappe derweil zum emotionalen Härtetest. Vielen rollen Tränen der Spannung über die Wangen. Es wird gebeten, gesungen, geklatscht, geschwiegen. Die Spannung ist zum Greifen spürbar, als kurz vor Mitternacht Manuel Gonzales als erster Retter in die Kapsel steigt. Er ist so etwas wie das Versuchskaninchen. Nur zwei Testfahrten hatten die Helfer zuvor mit der Kapsel Fenix II absolviert. Gonzales ist die Nervosität ins Gesicht geschrieben, als er in die Kapsel steigt und die Reise in die Tiefe beginnt. Mit "Chi, Chi, Chi, Le, Le, Le"-Rufen verabschieden Helfer und Familien den mutigen Mann. Er wird erst wieder zurückkehren, wenn der letzte Kumpel die Erdoberfläche erreicht hat. Während Gonzales in die Tiefe fährt, singen die Menschen die Nationalhymne. Gänsehautatmosphäre.

Eine gute Viertelstunde später explodiert die Freude. Gonzales kommt sicher in der Grube an, zum ersten Mal seit 70 Tagen sehen die Kumpel wieder einen fremden Menschen aus Fleisch und Blut. Gonzales beginnt sofort den Männern ruhig und sachlich zu erklären, was nun auf sie zukommt.

"Das ist ein Wunder Gottes"

Der Vater Florencio Ávalos ist derweil von den Gefühlen übermannt: "Das ist ein Wunder Gottes", schreit der Mann sichtlich bewegt in die gierigen Mikrofone. Längst haben die Medienvertreter Distanz und Respekt abgelegt, sie jagen die Familie geradezu durch das Lager. Das ist die hässliche Seite des Wunders von Copiapo.

Unterdessen laufen die Rettungsarbeiten weiter. Kathy Valdivia, Ehefrau von Mario Antonio Sepúlveda, ist schon deutlich entspannter, als ihr Mann als zweiter in den Fahrstuhl in die Freiheit steigt. Gegen die Kälte wappnet sie sich mit einem heißen Kaffee. Dann schlägt sie die Hände vor das Gesicht. Sie war extra beim Friseur, hat sie die Fingernägel lackieren lassen. Wenn ihr Mann sie wiedersieht, soll er vor einer schönen Frau stehen.

Wieder nähert sich die Kapsel Meter für Meter der Freiheit, diesmal geht es sogar eine Minute schneller. Kathy Valdivia lacht, Mario Sepúlveda umarmt seine Frau und verteilt Steine aus der Grube an die wartenden Helfer und an den Präsidenten. Dann schreit er den Schlachtruf aus sich heraus: „Chi, Chi, Chi, Le, Le Le“. Was für ein Auftritt, was für eine Lebensfreude. Seine Späße lösen endgültig die Spannung. Kein Zweifel, Chile kann nach 70 Tagen warten, bangen und zittern endlich wieder feiern.

Autor: Tobias Käufer