Kolumbien |

Das Gewissen klopft an die Windschutzscheibe

An jeder Ampel in Bogota klopft das Gewissen an die Windschutzscheibe: Kolumbiens Binnenflüchtlinge sind in der Hauptstadt unübersehbar. Fast fünf Millionen Vertriebene gibt es in dem südamerikanischen Land, das seit mehr als vier Jahrzehnten unter einem "bewaffneten Konflikt" leidet, wie es die Diplomaten ausdrücken. Für die Betroffenen ist es weitaus mehr. Für sie bedeutet der Bürgerkrieg einen nackten Überlebenskampf. Die Menschen, die meist weit abseits der Großstädte zwischen die Fronten der Konfliktparteien geraten, haben alles verloren. Mal ist es die linksgerichtete Guerilla-Organisation Farc, mal die rechten Paramilitärs und mal die reguläre Armee, die die Menschen aus den Dörfern und den Feldern vertreiben. Meist steckt der Drogenhandel dahinter. Es geht darum, die Kontrolle über Anbauflächen oder die Vertriebswege zu bekommen oder zu verteidigen. Menschen, die dort wohnen und ihren Lebensunterhalt auf ehrliche Weise verdienen wollen, stören und werden vertrieben. Eine Wahl haben die Menschen nicht, wer bleibt muss das mit seinem Leben bezahlen. Oder es sind Industriekonzerne, die der Rohstoffe oder wegen des fruchtbaren Bodens ein Auge auf eine Region geworfen haben. Verhandlungen mit den Einheimischen sind teuer, langwierig und auch nicht immer erfolgversprechend, bewaffnete Gruppen erledigen das Problem weitaus schneller und zuverlässiger.

Menschenrechtsorganisationen schätzen, dass jeden Tag allein in Bogota Hunderte Flüchtlinge aus dem ganzen Land stranden. Offiziell hat die Stadt heute rund sieben Millionen Einwohner, inoffiziell sind es wohl zehn Millionen. An den Rändern der Stadt wuchern die Armenviertel, hier hausen die Flüchtlinge in armseligen Hütten. Selbst der "normale" Kolumbianer kennt diese berüchtigten Stadtviertel nicht. Und doch sind die "Desplazados" überall sichtbar. Sie kauern mit ihren Bettelplakaten an der Carrera 7, der großen und wichtigsten Verkehrsachse der Stadt oder sie klopfen an die Windschutzscheibe und betteln um ein paar Pesos. Doch die meisten Kolumbianer schauen weg, sie wollen das Unheil, das weit außerhalb ihrer vergleichsweise sicheren Großstädte geschieht, nicht an sich heranlassen. Für die Opfer ist das eine zweite niederschmetternde Erfahrung. Erst die Vertreibung aus der eigenen Heimat, und dann die bittere Enttäuschung der menschlichen Kälte ihrer Landsleute.

Erst vor wenigen Wochen hat der Norwegische Flüchtlingsrat mitgeteilt, dass Kolumbien neben dem Sudan das Land mit den meisten Binnenflüchtlingen der Welt bleibt. Allein im vergangenen Jahr habe sich die Zahl um weitere 290.000 Flüchtlinge in Kolumbien erhöht. Aktuell gibt es bis zu 4,9 Millionen Vertriebene in Kolumbien. "Die massiven Völkerbewegungen und die schockierende Gewalt sind traurige Erinnerungen an den Preis, den die Zivilisten in einem bewaffneten Konflikt zahlen müssen", sagte die Generalsekretärin des Flüchtlingsrates Elisabeth Rasmusson mit Blick auf die weltweit besorgniserregenden Zahlen.

Die Bischöfe in Kolumbien haben vor der Präsidentschaftswahl am Sonntag (20. Juni) den beiden möglichen Nachfolgern des konservativen Staatspräsidenten Alvaro Uribe einen Acht-Punkte-Plan zur Beendigung des seit über 40 Jahre andauernden bewaffneten Konfliktes präsentiert. Der Vorsitzende der "Nationalen Versöhnungskommission", Pater Darío Echeverri, fordert vom neuen Präsidenten die sozialen Realitäten im Lande endlich zu berücksichtigen. Der Vorsitzende der kolumbianischen Bischofskonferenz, Bischof Rubén Salazar Gómez, nutzte im Wahlkampf die Gelegenheit im Gespräch mit den Präsidentschaftskandidaten die Chancen für eine neue Friedensinitiative ausloten. Nur auf diesem Wege -- so ist die kolumbianische Kirche überzeugt -- lassen sich irgendwann einmal die riesigen Flüchtlingsströme stoppen.

Autor: Tobias Käufer, Bogota