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Das Geheimnis des chilenischen Erfolges

 

Gepflegte Parks, in denen Büroangestellte in der Mittagspause ausspannen, neue Schnellstraßen entlang luxuriöser Wohntürme, Radwege in schattigen Alleen – Santiago de Chile hat sich innerhalb der vergangenen 15 Jahre zur modernsten Hauptstadt Südamerikas gemausert. Der chilenische Peso ist erstarkt, und die Chilenen nutzen seine Kaufkraft für Reisen ins Ausland. Zeichen eines Wirtschaftsbooms, der Chile jetzt eine Einladung in die Organisation für Wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (OECD) gebracht hat. Damit ist Chile nach Mexiko das zweite Land Lateinamerikas, das dem exklusiven Club der 30 reichsten, demokratischen Wirtschaftmächte beitreten wird.

Durchaus verdient, findet Cornelia Sonnenberg, die Geschäftsführerin der deutsch-chilenischen Handelskammer. „Chile erntet die Früchte einer konsequenten Strategie, aus dem Land eine international wettbewerbsfähige Agrarindustriemacht zu machen.“ Sonnenbergs Büro befindet sich im 6. Stock eines modernen Hochhauses im chicen Osten der Hauptstadt. Wer etwas auf sich hält, wohnt und arbeitet hier - in unmittelbarer Nähe der größten Shopping-Mall und der teuersten Feinschmeckerrestaurants, vor denen zur Mittagszeit die neuesten Sport- und Geländewagen auffahren. 2,5 Autos besitzt jeder Haushalt hier durchschnittlich.

Da glaubt man sofort den Wirtschaftsexperten, die prophezeien, dass die 17 Millionen Einwohner zählende Nation im nächsten Jahrzehnt endgültig den Status eines Entwicklungslandes hinter sich lassen wird. Das schmale Land am Pazifik hat innerhalb von 20 Jahren die Armut von 40 auf 13 Prozent gedrückt – ein Rekord in Lateinamerika. Laut der UN-Wirtschaftskommission für Lateinamerika (Cepal) ist Chile auch Spitzenreiter beim Investitionsklima; das Land ist laut Transparency International ausserdem das am wenigsten korrupte in Lateinamerika. Chile hat seinen Außenhandel konsequent diversifiziert und weniger krisenanfällig gemacht: Ein Drittel der Waren wird mit den USA, ein Drittel mit Europa und ein Drittel mit dem Rest Lateinamerikas ausgetauscht.

Gefragt nach dem chilenischen Erfolgsgeheimnis nennt Finanzminister Andres Velasco den wirtschaftspolitischen Konsens, der dem Land Stabilität gebracht hat. Das liberale Modell, das Diktator Augusto Pinochet einführte, wurde von den demokratischen Regierungen seit 1990 übernommen und um eine sozialpolitische Komponente ergänzt. Der Journalist Francisco Jara hingegen geht noch weiter in der Geschichte zurück: „Chile war im 19. Jahrhundert ein feudaler Staat. Modernisierend wirkten die Agrarreform unter Präsident Frei Montalva, die eine landwirtschaftliche Entwicklung ermöglichte, und die Nationalisierung der Kupferindustrie unter Präsident Allende, die dem Staat eigene Mittel verschaffte.“ Pinochets Liberalisierung brachte dann einen Effizienzschub, „und die Unternehmen, die überlebten, waren international wettbewerbsfähig“, resümiert Sonnenberg.

Kupfer ist weiterhin staatlich und Chiles wichtigstes Exportprodukt. Den Rohstoffboom nutzte die Regierung nicht nur für Sozialprogramme, sondern legte auch Gelder auf die hohe Kante, die nun in Krisenzeiten dazu dienen, die Konjunktur anzukurbeln. Zwar wird die Wirtschaft 2009 trotzdem um 1,8 Prozent schrumpfen – doch weit entfernt von Werten wie -8 Prozent in Mexiko. Und 2010 soll das Bruttoinlandsprodukt wieder zulegen. Chile betreibt nicht nur eine antizyklische Konjunkturpolitik wie aus dem Lehrbuch, sondern investiert auch in die Bildung seiner Elite: die Zinsen aus dem Sparfonds sollen in Stipendien für ausländische Universitätsabschlüsse fliessen. 40 Prozent der jungen Chilenen studieren heute.

Davon können junge Leute wie Linda Fuensalida jedoch nur träumen. Die 14jährige lebt in einem Armenviertel im Süden Santiagos. Hier gibt es keine Einkaufszentren, keine Radwege, und nur ein paar staubige Plätze mit verrosteten Schaukeln und Wippen. Fuensalidas Mutter muss alleine vier Kinder durchbringen, die alle auf staatliche Schulen gehen. Deren Niveau liegt weit unter dem der sündhaft teuren Privatschulen –und universitäten. Ohne deren Diplome wird jedoch ein gut bezahlter, qualifizierter Job für Fuensalida unerreichbar bleiben.

Ihr Schicksal verkörpert eine der Schattenseiten des chilenischen Wirtschaftswunders: die große Ungleichheit. Die reichsten zehn Prozent der Chilenen verfügen über 29 mal mehr Einkommen als die ärmsten zehn Prozent. „Das Bildungs- und Gesundheitssystem zementieren die Ungleichheit, Verbraucherschutz und Arbeiterrechte sind auf niedrigen Stand, der Staat ist ein Liliputaner, der gerade einmal sieben Prozent des Wirtschaftsaufkommens umverteilt“, kritisiert Jose Jara, Direktor der Fakultät für Sozialwissenschaftliche Studien (Flacso). Eine Steuerreform sei längst überfällig: während der Höchststeuersatz für Unternehmen bei 18 Prozent liegt, müssen Arbeitnehmer bis zu 30 Prozent abgeben. Und das bei einem nicht gerade üppigen Durchschnittsgehalt von 700 Dollar monatlich, das in der Regel beide Eltern zum Arbeiten zwingt, wenn sie die Familie einigermaßen über Wasser halten wollen. „Die Mittelschicht hat nicht viel vom chilenischen Wirtschaftswunder“, findet sogar Augusto Pinochet, Enkel des Ex-Diktators.

Auch Kleinunternehmer und Landwirte klagen. „Wir werden einfach so auf den Weltmarkt geworfen und sollen dort mit den hoch subventionierten Produkten aus den USA und Europa konkurrieren“, sagt Gaston Caminondo von der Landwirtschaftskammer in Temuco. „Das chilenische Modell nützt nur den Großen.“ Der Süden – einst die Weizen-Kornkammer Chiles – hat sich inzwischen in eine große Forstplantage verwandelt. Großkonzerne haben auf fruchtbaren Böden schnellwachsende Eukalyptus- und Kiefernmonokulturen angelegt, die in der Produktion von Papier und Mikrochips benötigt werden. Eine Umweltsünde allererster Güte, findet Blas Pantel vom Observatorium für Bürgerrechte. Weiter im Süden werden sie von Lachsfarmen abgelöst. Die Firmen mit chilenischem, asiatischem und norwegischem Kapital kommen immer wieder in die Schlagzeilen wegen prekärer Arbeits- und Hygienebedingungen und der Verschmutzung der Gewässer.

Im Energiesektor hat Chile ebenfalls noch keine Strategie gefunden. Angesichts der drohenden Energieengpässe hat die Regierung Kohlekraftwerke errichtet und dem Bau umstrittener Staudämme in Patagonien zugestimmt. Beides sind Großaufträge, von denen vor allem ausländische Konzerne profitieren. Das Potenzial für Biodiesel hingegen werde nicht genutzt, dabei sei es eine umweltfreundliche Alternative und nutze den heimischen Landwirten, klagt Caminondo. Er wünscht sich daher vor allem eines vom neuen Präsidenten, der im Januar gewählt wird: weniger liberalen Dogmatismus und mehr Kreativität. Flacso-Direktor Jara sieht in der OECD-Aufnahme denn auch mehr einen Ansporn als eine Auszeichnung. „In Sachen Innovation, Humankapital und Technologie sind wir noch Lichtjahre entfernt von den Industrieländern der OECD, und auch unser politisches System ist dringend reformbedürftig.“

 

Autorin: Sandra Weiss