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Das Ende vom amerikanischen Traum für Kindermigranten

Immer mehr Kinder aus Zentralamerika machen sich ohne Begleitung auf den Weg in die USA, um häuslicher Gewalt zu entkommen, berichtet Carolina Rivera vom Forschungszentrum für Sozialanthropologie (Ciesas) in Mexiko. Doch die Reise endet in den meisten Fällen auf mexikanischem Staatsgebiet, wo die Kinder von den Behörden aufgegriffen und häufig zurück nach Hause geschickt werden.

"Kinder sind schon immer ausgewandert, und sie waren schon immer besonders verletzlich", sagt Rivera. In den 80er Jahren, als in vielen zentralamerikanischen Ländern Bürgerkriege herrschten, flohen viele Menschen in die USA. Damals zeigte sich der fortschreitende Zerfall der Familien besonders deutlich: Eltern ließen auf der Suche nach einer besseren Zukunft ihre Kinder bei den Großeltern zurück.

Später folgten Kinder und andere Verwandte, um sich mit ihren Familien wiederzuvereinigen. Andere wanderten in der Hoffnung auf eine bessere ökonomische Basis aus. Doch seit kurzem findet sich der Anthropologin Rivera zufolge unter den Auswanderungsgründen immer häufiger häusliche Gewalt.

Aus Mazatán im südmexikanischen Bundesstaat Chiapas berichtet Rivera von Fällen, in denen Mädchen von ihren Stiefvätern oder anderen Verwandten geschlagen und vergewaltigt wurden und auszuwandern beschlossen. In Honduras und El Salvador traf sie auf junge Menschen, die ihren Familien anvertraut hatten, homosexuell zu sein, und daraufhin misshandelt und aus dem elterlichen Haus geworfen wurden.

Von Januar bis Juni dieses Jahres wurden nach Angaben der Polizei in El Salvador 1.028 Fälle häuslicher Gewalt angezeigt. Das ist fast doppelt so viel wie im gesamten Jahr 2011.

Schlepper sind keine Helden mehr

Fast dreimal so viele Minderjährige wurden im ersten Halbjahr 2012 in Mexiko aufgegriffen und zurück in ihre Heimat geschickt. Dem Nationalen Institut für Migration zufolge wurden von Januar bis Juli dieses Jahres 3.391 Kinder und Jugendliche aus Guatemala, Honduras und El Salvador deportiert – 50 Prozent mehr als im gleichen Zeitraum im Jahr zuvor. 2.801 dieser Minderjährigen waren allein ins Land eingereist oder von ihren Begleitern – Kojoten, wie die Schlepper in Zentralamerika genannt werden – verlassen worden.

Das Image dieser Schlepper hat sich in den vergangenen Jahren stark gewandelt. "Es ist nicht mehr wie früher, als die Kojoten wie Helden angesehen wurden, die den Menschen halfen, in Nordamerika ihr Glück zu finden. Jetzt gehören die Schlepper meist zu kriminellen Organisationen", erzählt Jaime Rivas, Koordinator des Migrationsprogramms der nichtstaatlichen Nationalen Direktion für Forschung.

Dem mexikanischen Nationalen Institut für Migration zufolge versuchen viele der Jugendlichen, diesen Banden zu entkommen. Doch wenn die Gangs auf sie aufmerksam werden, zwingen sie die Jugendlichen dazu, sich ihnen anzuschließen – wenn sie sich wehren, müssen sie damit rechnen, umgebracht zu werden. Allein in El Salvador wurden landesweit rund 60.000 Bandenmitglieder gezählt. Sie gehören häufig zu den berühmtberüchtigten ´Mara´-Jugendbanden ´MS-13´ und ´Barrio 18´.

Werden die Kinder und Jugendlichen von der Polizei aufgegriffen, landen sie bis zu ihrer Abschiebung hinter Gittern. Aus dem Bericht ´Gefangene Kindheit´ der Internationalen Koalition gegen Haft (IDC) geht hervor, dass der Gefängnisaufenthalt bei den Kindern Angstzustände, Depressionen und Schlafstörungen auslöst. Die IDC fordert daher, Minderjährige nicht einzusperren.

"Wie in Gefangenschaft"

Viele der Flüchtlingskinder nehmen unterwegs Tätigkeiten an, um sich ihre Reise finanzieren zu können. Den Untersuchungen der Anthropologin Rivera zufolge arbeiten 33 Prozent der minderjährigen Immigranten auf den Feldern und müssen dabei häufig lange Arbeitstage ableisten. Bezahlt werden sie in der Regel unterdurchschnittlich.

16 Prozent arbeiten im Dienstleistungssektor und in der Unterhaltungsindustrie. Insbesondere Mädchen aus Honduras und El Salvador im Alter zwischen 15 und 17 Jahren arbeiten als Tänzerinnen in Nachtclubs, wo sie sexueller Belästigung und Missbrauch ausgesetzt sind. "Viele von ihnen fühlen sich wie in Gefangenschaft, ohne zu wissen, wie sie sich befreien können", sagt Rivera.
Etliche Mädchen würden lieber als Haushaltshilfen arbeiten. Aber in Mexiko werden junge Frauen aus Honduras und El Salvador häufig als "Männerdiebe" angesehen. Deswegen beschäftigen die Mexikanerinnen lieber indigene Frauen aus Guatemala.

Quelle: IPS Text: Edgardo Ayala Deutsche Bearbeitung: Johanna Treblin