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"Ciudades Paralelas" - Parallele Städte

Was bedeutet es, eine Stadt bewohnbar zu machen? Welche Orte benötigen Menschen außerhalb ihrer Wohnung? Wie eignen sie sich diese funktionalen Orte – öffentliche Gebäude, Geschäfte, Bahnhöfe, Bibliotheken usw. – an und wie füllen sie sie mit ihren individuellen Geschichten? Und wenn diese Fragestellungen für eine bestimmte Stadt erörtert worden sind – wie verhält es sich in anderen Städten, auf anderen Kontinenten?

In dem groß angelegten theatralen Projekt „Ciudades Paralelas / Parallele Städte“ erkunden acht Künstler aus verschiedenen Ländern sowie das Hamburger Kollektiv Ligna, wie funktionale Orte mit Leben erfüllt werden können. Die Theaterkunst verlässt die angestammten Orte, gestaltet Situationen an ungewohnten Spielstätten und lädt die Zuschauer zum Beobachten ein. Das Projekt war zunächst in Berlin zu sehen und zieht nun weiter nach Buenos Aires, Warschau und Zürich, um dort neue Räume zu erkunden und mit dem Lebensgeschichten anderer Menschen zu füllen. Die Kuratoren des Projekts sind die argentinische Autorin Lola Arias und der schweizer Performer Stefan Kaegi.

Authentische Geschichten von Servicekräften im Hotel

Besonders starke Eindrücke vermittelte Lola Arias in ihrem Werk „Zimmermädchen“, für das fünf Standardzimmer in einem Ibis-Hotel in der Nähe des Potsdamer Platzes verwendet wurden. Arias machte mehrere dienstbare Geister sichtbar – Servicekräfte, die Zimmer herrichten, Betten machen und Bäder reinigen. Die Besucher hielten sich rund zehn Minuten in jedem Zimmer auf und folgten den medial ganz unterschiedlich aufbereiteten Erzählungen, die die Lebenswirklichkeiten der „Zimmermädchen“, die meisten von ihnen aus dem Ausland, direkt widerspiegelten.

Arbeitsalltag und Ausgrenzung

José stammt von der Kanareninsel La Palma. In dem mit seiner Story ausgefüllten Raum herrschte eine beinahe subtropische Atmosphäre. Über 25 große Topfpflanzen standen auf dem Bett, im Waschbecken, auf der Fensterbank. José berichtete vom Abschied von der Heimat und von der Fernbeziehung, die er führt. Und tatsächlich entdeckte man nach einer Weile inmitten der Pflanzen ein Foto, das José mit seiner Freundin zeigt. Derweil gab er Auskunft über den Arbeitsalltag, über die Ausgrenzung, die er empfindet, weil seine deutschen Kollegen kaum Kontakt zu ihm suchen, und über die geringe Bezahlung, die er für seine Arbeit erhält.

Fotos, Briefe, Anträge

Im benachbarten Zimmer zeugte eine ganze Galerie von Fotos, Briefkopien und Gegenständen vom Leben der Vietnamesin Bich, die im Internet einen Mann aus Berlin kennenlernte und zu ihm zog. Ihre Tochter aus einer früheren Beziehung durfte mehrere Jahre lang nicht nach Deutschland nachkommen, weil die Ausländerbehörde sagte, das Paar verfüge nicht über die nötigen Mittel, um das Mädchen zu versorgen. In dem Raum, der von dem Kameruner Gaston geputzt wird, fand man zunächst nur einen Brief, in dem er über seinen entbehrungsreichen Weg nach Deutschland berichtete. Um mögliche Zweifler von der Richtigkeit seiner Geschichte zu überzeugen, wies er auf ein Versteck hin, wo man die Kopie seines Asylantrages und Abzüge von Familienfotos finden konnte.

In der Fabrik und anderswo

Ein weiterer argentinischer Theatermacher, Gerardo Naumann, führte eine Besuchergruppe entlang einer Produktionsstraße des Mercedes-Benz-Werkes in Berlin-Marienfelde. Doch anstelle von sachlichen Informationen über die Autoherstellung, erhielten die Besucher subjektive Auskünfte der Menschen, die in der Firma arbeiten. Im Rahmen des Gesamtprojekts wurden beispielsweise noch die neue Bibliothek der Humboldt-Universität, der Berliner Hauptbahnhof und das Gebäude des Landgerichts bespielt.

Es wird spannend sein zu sehen, welche Geschichten die authentischen Performer präsentieren werden, wenn „Ciudades Paralelas“ im November an neuen funktionalen Orten in Buenos Aires Station macht.

Autor: Thomas Völkner


„Ciudades Paralelas“ ist eine Koproduktion von HAU Berlin und dem Schauspielhaus Zürich.