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CIMI fordert Respekt statt "Green Economy"

Aus Anlass des UN-Gipfels Rio+20 hat Adveniat mit dem Generalsekretär des Brasilianischen Indianermissionsrates CIMI, Cleber César Buzatto, über die Lage der indigenen Völker Brasiliens gesprochen. Neben physischer Gewalt gegen die Indigenen klagt Buzatto die Tatenlosigkeit der Politik an. Statt unter dem Mantel der „Green Economy“ eine neue Welle der Kommerzialisierung und Vermarktbarkeit der Natur loszutreten, sollten die Regierungen vom Lebenskonzept der Indigenen lernen. Das Lateinamerikahilfswerk Adveniat unterstützt den CIMI seit seiner Gründung vor 40 Jahren.

Am 13. Juni hat der CIMI den neuen Bericht zur Lage der indigenen Völker Brasiliens vorgelegt. Was sind die Kernpunkte?

Cleber: Die physische Gewalt gegen die Indigenen ist immer noch sehr hoch. Im Jahre 2011 haben wir 51 Morde an indigenen Führern registriert. Bezeichnend ist hier der Fall des Kaziken Nisio Gomes von den Kaiowá-Guaraní aus Mato Grosso do Sul, dessen Leiche von den Mördern mitgenommen wurde und bis heute nicht wieder aufgetaucht ist.

Eine andere Form von Gewalt ist die Tatenlosigkeit der Politik. Derzeit gibt es einen Stillstand, was die Anerkennung und Einrichtung von indigenem Land angeht. Damit wird den Indigenen eines ihrer fundamentalen Grundrechte verweigert. Die ungeregelte Landfrage potentialisiert zudem andere Formen von Gewalt. Viele Stämme, die müde geworden sind, auf Maßnahmen der Regierung zu warten, werden selber aktiv, besetzen Ländereien, worauf die weißen Landbesitzer meist mit neuer Gewalt reagieren und Indigene aus Gebieten verdrängen, die diesen ja eigentlich zustehen. Auch hier ist der Bundesstaat Mato Grosso do Sul der auffälligste Brennpunkt.

Die Tatenlosigkeit der Regierung wird aber auch im Bereich der Gesundheitsbetreuung spürbar. Und das wiegt besonders schwer, da die Konsequenzen verheerend sind: Es gibt etwa 35.000 Fälle, in denen akut eine medizinische Betreuung nicht erfolgte. Das ist inakzeptabel. Der Bericht listet alleine 126 Todesfälle bei Kindern unter fünf Jahren auf. Die Ursachen sind Krankheiten, die einfach zu behandeln gewesen wären, aber aufgrund der fehlenden Betreuung zum Tode führten – beispielsweise Durchfallerkrankungen, Erbrechen und Mangelernährung.

Was sind die Konsequenzen der Abholzung der Regenwälder für die dort lebenden Indigenen?

Cleber:In den letzten Jahren hat CIMI regelmäßig die illegale Landnahme auf indigenem Land angeklagt. Dabei handelt es sich in der Regel um bereits den Indigenen offiziell zugeteilte Gebiete. Und meistens handelt es sich um das Vordringen von Holzhändlern, die dabei mit roher Gewalt vorgehen.

Dies hat schwerwiegende Konsequenzen, wie man am Beispiel des Awá-Guajá-Volkes im Bundesstaat Maranhão sieht. Einzelne Gruppen dieses Volkes haben bisher den Kontakt mit der brasilianischen Gesellschaft vermieden. Sie leben und überleben noch auf der Basis ihrer ursprünglichen Kultur, also von Fischfang und dem Sammeln von Früchten. Diese Basis wird zunehmend von Holzhändlern angegriffen und zerstört. Dadurch ist das Überleben der Indigenen massiv bedroht. CIMI hat deshalb bereits eine internationale Kampagne gestartet, um hierauf aufmerksam zu machen.

Diese Praktiken des illegalen Holzhandels und das Vordringen der Agrargrenze setzen zahlreiche Völker der Gefahr der Auslöschung aus. Dazu kommt, dass indigene Führer korrumpiert werden, was zu internen Konflikten und Spaltungen der indigenen Gruppen führt. All das passiert, um die Urvölker zu schwächen und die kommerzielle Nutzung der Regenwälder voranzutreiben.

Was sind denn die Konsequenzen des Baus des Megastaudammes Belo Monte im Bundesstaat Pará für die betroffenen indigenen Völker?

Cleber: Bischof Erwin Kräutler weist ja seit Jahren auf die Konsequenzen des Baus hin. Die Stadt Altamira, die ja auch Bischofssitz ist, erlebt derzeit ein soziales Chaos, aufgrund des Zuzugs von tausenden Menschen und Familien, die in Belo Monte arbeiten wollen. Es gibt keine Strukturen, um die hierhergekommenen Menschen zu versorgen. Für die Kinder gibt es keine Schulplätze, für die Kranken nicht genug Krankenhausbetten, und die Mietpreise sind aufgrund der riesigen Nachfrage exorbitant gestiegen, so dass viele Familien sich heute nicht einmal eine simple Hütte in den Außenbezirken der Stadt leisten können.

Was die betroffenen indigenen Völker angeht, so hat die Regierung nun Finanzmittel den indigenen Gemeinschaften zur Verfügung gestellt. Dies wird unserer Einschätzung nach noch eine Weile so weitergehen, bis der Bau des Wasserkraftwerkes endgültig und unumstößlich gesichert ist. Wir können uns überhaupt nicht vorstellen, was die sozialen Konsequenzen sein werden, wenn der Geldhahn danach zugedreht wird. Bischof Kräutler hat bereits mehrfach verkündet, dass die Völker der großen Schleife des Xingu durch den Bau von Belo Monte unter der Regierungen von Präsident Lula da Silva und seiner Nachfolgerin Dilma Rousseff zum Aussterben verurteilt wurden. Da wird also eine Kettenreaktion sozialer und ökologischer Folgen losgetreten.

Was erwartet der Indianermissionsrat CIMI denn vom People’s Summit und der Rio+20 Konferenz?

Cleber: Wir sehen den People’s Summit als einen dynamischen und an Möglichkeiten der Reflexion und Debatten reichen Ort an. Und wir hoffen, dass die indigenen Völker und andere Gruppen, die von dem in Brasilien und anderen Ländern herrschenden Entwicklungsmodell betroffen sind, hier ihre Gegenpositionen vorbringen können und von den Regierungen angehört werden. Aber uns ist natürlich klar, dass die Bemühungen dieser Regierungen eigentlich in eine komplett konträre Richtung gehen. Da können wir uns nichts vormachen. Sie versuchen zwar, ihr Entwicklungsmodell als nachhaltig zu verkaufen, aber die Nachhaltigkeit existiert höchstens auf dem Papier. Eine reine Fassade, um Akzeptanz für dieses Modell zu schaffen. Letztlich sehen wir bei diesen Regierungen kein Interesse dafür, in Zukunft das Verhältnis zwischen Politik und Umwelt zu verändern.

Die reichen Industrieländer des Nordens haben stets versprochen, mehr für den Umweltschutz zu tun, haben Konventionen unterschrieben und Ziele gesteckt. Aber passiert ist wenig. Was ist Ihre Forderung an diese Länder?

Cleber: Diese Länder, und das schließt Brasilien mit ein, müssen eine wirkliche Verpflichtung eingehen und gesellschaftliche Existenzformen suchen, die weniger Raubbau an der Natur verursachen. Und die Stoßrichtung dabei muss gegen den Konsumismus gehen. Denn der Konsum hat dazu geführt, dass sich alles in handelbare Waren verwandelt. Diese Verrohung des Konsums verursacht ökologische Schäden. Hier müssten strukturelle Veränderungen passieren. Und unserer Ansicht nach können die indigenen Völker Brasiliens hier die Regierungen sehr viel lehren. Das wäre eine wirkliche Alternative zu den derzeit hier auf der Rio+20 laufenden Bestrebungen, unter dem Mantel der „Green Economy“ eine neue Welle der Kommerzialisierung und Vermarktbarkeit der Natur loszutreten. Wir sehen nicht, dass dieser hier diskutierte Ansatz eine Lösung wäre. Warum? Weil dadurch das existierende Modell weitergeführt wird, welches ja bereits zu der Zerstörung der Natur geführt hat. Man sucht nur neue Formen der kommerziellen Erschließung der Natur, statt das Modell der Beziehung zur Natur zu ändern. Die Art, wie die indigenen Völker leben, ihr Respekt gegenüber der Umwelt, ihr harmonisches Zusammenleben mit der Natur, könnte die Politiker weltweit viel lehren. Das schließt auch Brasiliens Regierung mit ein.

Infokasten CIMI

CIMI ist der Indianermissionsrat der Brasilianischen Bischofskonferenz und wurde 1972 gegründet. CIMI steht für Conselho Indigenista Missionário. Er organisiert sich in 11 Regionalstellen sowie das Nationalsekretariat in Brasília. 2012 engagieren sich im CIMI rund 400 Frauen und Männer, Geistliche, Ordensleute und Laien an der Seite der indigenen Völker Brasiliens. Präsident des CIMI ist Dom Erwin Kräutler, Bischof von Altamira. Der CIMI hat Kontakt oder arbeitet zusammen mit den 241 indigenen Völkern Brasiliens. Schwerpunkt ist die Verteidigung der in der Verfassung von 1988 verankerten Grundrechte. Adveniat unterstützt den Indianermissionsrat seit seiner Gründung. Gefördert werden Projekte von einzelnen Teams, die Arbeit der Regionalstellen und das Nationalsekretariat. Adveniat sieht im CIMI einen wichtigen Partner und unerlässlichen Anwalt für die Interessen der indigenen Völker.