|

Chilenische Autoren lesen in Leipzig

Das Ibero-Amerikanische Forschungsseminar der Universität Leipzig (IAFSL) zählt zu den rührigsten Förderern von Literatur aus Lateinamerika. Erst im vergangenen Jahr, als mehrere Staaten die Zweihundertjahrfeier ihrer Unabhängigkeit von Spanien feierten, organisierte das Seminar rund um seinen Direktor Prof. Alfonso de Toro auf der Leipziger Buchmesse ein umfangreiches Lesefest mit Autoren aus sechs Ländern. Auch in diesem Jahr nutzte das IAFSL die räumliche Nähe zur Leipziger Bücherschau und lud zu einer chilenischen Doppel-Lesung am Vorabend des ersten Messetages ein.

Mit Arturo Fontaine und Roberto Ampuero wurden zwei der bekanntesten zeitgenössischen Autoren Chiles präsentiert. Es gehörte zu den angenehmen Aspekten des Abends, dass deren Romane zur Zeit nicht ausdrücklich promotet werden. Jenseits der PR-Maschinerie erhielten die zahlreich erschienenen Besucher so die Gelegenheit, sich eingehender mit Texten, literarischen Motiven, aber auch mit der Geschichte Chiles auseinanderzusetzen.

Von der Guerillera zur Geheimagentin

Der Lyriker, Essayist und Romancier Arturo Fontaine beschäftigt sich in seinem 2010 erschienenen und noch nicht auf Deutsch vorliegenden Roman „La vida doble“ mit dem schwierigen Verhältnis zwischen Opfer und Täter innerhalb eines diktatorischen Systems. Basierend auf drei wahren Fällen, die Fontaine ausgiebig studiert hat, entwirft er die Figur Lorena, auch bekannt als „Irene“, die sich während ihrer Folterhaft von einer Guerillera zur Agentin verwandelt.

Erzählt wird die Geschichte von der älteren Lorena im Rückblick. Sie begeht damit in ihrem Leben gleich zweimal einen Verrat: Jahre zuvor an ihren Mit-Revolutionären und jetzt an den Kollegen des Geheimdienstes. Die Erinnerungen der Ich-Erzählerin kreisen zentral um die durchlittene Folter und setzen sich mit der Frage auseinander, wie sich das Unaussprechliche, also die grausame, un-menschliche Seite des Menschen, in Worte fassen lässt.

Arturo Fontaine arbeitet übrigens auch außerhalb seiner schriftstellerischen Tätigkeit an dem Themenkomplex „Erinnerung und Aufarbeitung der Militärdiktatur“: Er ist Mitglied der von der ehemaligen Präsidentin Michelle Bachelet eingesetzten Kommission zur Gründung des „Museums der Erinnerung und der Menschenrechte“.

Pablo Neruda als Romanfigur

Fontaines Kollege Roberto Ampuero gilt mit seinen Romanen als Erneuerer und Impulsgeber des Krimi-Genres. Sein 2010 auf Deutsch erschienener Roman „Der Fall Neruda“ („El caso Neruda“) verbindet die große Geschichte (Putsch vom 11. September 1973) mit der kleinen Geschichte, einer fiktiven Episode aus dem Leben des bekannten Literaten und Nobelpreisträgers Pablo Neruda. Der schickt – so die Romanfiktion – einen Detektiv los, um herauszufinden, ob er Vater einer Tochter ist. Eine Frau, mit der er Jahrzehnte zuvor zusammen war und die er 1940 fluchtartig verlassen hatte, muss hierfür ausfindig gemacht werden. Der Detektiv Cayetano Brulé, eine von Ampuero bereits mehrfach eingesetzte Figur, macht sich auf die Suche, die ihn nach Kuba, Mexiko und Deutschland führt.

Chile will Literaturvermittlung weiter fördern

Am Rande der Lesung erwähnte der Botschafter Chiles, Jorge O´Ryan Schütz, dass sein Land auch in Zukunft die chilenische Literatur in Deutschland bekannt machen wolle. Langfristiges Ziel sei dabei ein umfangreicher Gastauftritt auf der Buchmesse in Frankfurt am Main.

Autor: Thomas Völkner


Arturo Fontaine: La vida doble
www.tusquetseditores.com/titulos/andanzas-la-vida-doble

Roberto Ampuero: Der Fall Neruda
www.berlinverlage.com/bucher/bucherDetails.asp?isbn9783827008664