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Chevron wegen ölteppich am Pranger

24.11.2011: Nach neuesten Meldungen hat Brasilien Chevron die Förderlizenz entzogen. Der US-ölkonzern darf vorerst nicht mehr in dem Land bohren, bis die Ursachen und Verantwortlichkeiten für die ölpest geklärt und die Sicherheitsbedingungen in der betroffenen Region wiederhergestellt seien, erklärte die brasilianische ölbehörde.

28 Millionen Dollar kostet Chevron der ölteppich vor der brasilianischen Küste. Die Umweltbehörde (Ibama) verhängte am Montag die Höchststrafe gegen den US-Konzern für Umweltverschmutzung. Sollten bei den laufenden Ermittlungen zum Unfallhergang noch mehr Unregelmässigkeiten zu Tage treten, könnten weitere Bussgelder fällig werden, drohte Energieminister Edison Lobao. Die Behörden gehen von Manipulation und Vertuschung durch den Konzern aus.

Seit 8. November flossen nach Angaben der Firma 2400 Fass ins Meer, die Erdölbehörde geht von 5000-8000 aus, Umweltschützer von bis zu 20.000. Der Teppich, der sich anfangs in einer Dicke von ca. einem Meter rund um die ölplattform gebildet hatte, dehnte sich indessen aus und erreichte brasilianischen Medien zufolge am Montag eine Länge von 18 Kilometern. Er trieb laut Naturschützern mitten in einer wichtigen Migrationsroute von Delfinen und Walen.

Chevron steht in Lateinamerika schon länger unter Beschuss. Der Tochterfirma Texaco wird die grossflächige Verseuchung des ecuadorianischen Regenwalds vorgeworfen; Rechtsnachfolger Chevron wurde dafür unlängst von einem ecuadorianischen Gericht zu einem Schadensersatz von acht Milliarden Dollar verurteilt

Pleiten, Pech und Pannen

Auch in Brasilien führte die von Pleiten, Pech und Pannen begleitete Episode zu einem angespannten Schlagabtausch zwischen der Firma und den Behörden. Chevron hatte zunächst von einer „natürlichen Filtration“ gesprochen, danach musste der Vorsitzende der brasilianischen Filiale, George Buck, aber einräumen, dass die Firma bei der Probebohrung den Druck der ölquelle unterschätzt habe. Die lecke Bohrplattform nutzt eine ähnliche Technik wie die voriges Jahr verunglückte Anlage von British Petroleum (BP), die im Golf von Mexiko eine Umweltkatastrophe auslöste. Zwar gelang es der Firma nach Angaben Bucks, das Leck in 1200 Metern Tiefe mit Zement zu versiegeln. Allerdings ist die Abdeckung nicht komplett dicht, einer Messung der Erdölbehörde zufolge fliessen immer noch kleine Mengen ins Meer. Die Firma schickte ausserdem Reinigungsschiffe zur Eingrenzung und Bekämpfung des ölteppichs los.

Aufstrebende Weltmacht setzt auf schwarzes Gold

Der Umweltdirektor der Bundespolizei, Fabio Scliar, sagte den Medien, der Konzern sei überhaupt nicht auf eine derartige Katastrophe vorbereitet gewesen. Erst der brasilianische Staatskonzern Petrobras, der in der Nähe der Unglücksstelle bohre, habe Chevron auf das Leck hingewiesen und habe der US-Firma Geräte zur Ortung des Lecks ausleihen müssen. Ausserdem habe Chevron nur widerwillig mit den brasilianischen Behörden kooperiert und falsche Angaben gemacht etwa zu den vorhandenen Gerätschaften zur Bekämpfung der ölpest. Zum Streit kam es offenbar auch über die Notwendigkeit der Schliessung des Bohrlochs. Die Bundespolizei ermittelt ausserdem, ob Chevron tiefer als erlaubt bohrte um darunterliegende ölquellen anzuzapfen. All dies könne strafrechtliche Konsequenzen haben, so Scliar. Auch das brasilianische Parlament will die Konzernverantwortlichen zu einer Anhörung vorladen. Rios Umweltminister Carlos Minc forderte eine „exemplarische Bestrafung und angemessene Entschädigung“. In Brasilien gebe es keine Lizenz für Umweltsünder.

Der Unfall kommt zu einem ungünstigen Zeitpunkt für die aufstrebende Weltmacht, die seit der Entdeckung von enormen ölreserven unter einer dicken Salzkruste vor der Küste ganz auf das schwarze Gold setzt. Experten zufolge könnte Brasilien im Jahr 2020 mit einer prognostizierten Fördermenge von sieben Millionen Fass öl täglich der viertgrösste ölproduzent der Erde werden. Doch die Bohrungen in bis zu sieben km Tiefe sind teuer und riskant. Der Unfall sei ein Warnschuss und nur ein kleines Vorspiel für das, was da noch kommen könnte, so die ehemalige Grüne Präsidentschaftskandidatin Marina Silva.

Autor: Sandra Weiss