Venezuela |

"Chavez unser" - Mehr als ein schlechter Scherz

Eine Frau betet im August 2011 vor dem Präsidentenpalast in Caracas für die Genesung von Präsident Hugo Chávez. Foto: Hugo Chávez, CC BY-NC-SA 2.0.
Eine Frau betet im August 2011 vor dem Präsidentenpalast in Caracas für die Genesung von Präsident Hugo Chávez. Foto: Hugo Chávez, CC BY-NC-SA 2.0.

Ich hielt es für anti-bolivarische Propaganda. Auch die Gegner des Sozialismus sind ja nicht immer zimperlich. Aber das Video im Internet war keine Fälschung: Auf einem Kongress der Sozialistischen Staatspartei Venezuelas hat tatsächlich eine Aktivistin ein auf Hugo Chavez umgedichtetes Vaterunser vorgetragen. Und auch das auf das "Amen" folgende vielhundertstimmige "Viva Chavez" war echt. Lachen oder Weinen? Ich hatte mich für achselzuckendes Vergessen entschieden. Aber die Geschichte war noch nicht zu Ende.

Dass die katholische Kirche in Venezuela sich beklagte und Respekt vor dem zentralen Gebet aller Christen einforderte, war selbstverständlich ihr gutes Recht. Weniger erwartbar, zumindest aus rationaler Perspektive, war die Reaktion des neuen venezolanischen Präsidenten Maduro. Natürlich konnte der Mann seine Genossin nicht im Regen stehen lassen, aber ihr Werk gleich mit dem des Nobelpreisträgers Pablo Neruda zu vergleichen und den Kardinälen Inquisition vorzuwerfen, ging dann doch ziemlich weit. Sogar über den Staatssender wurde eine Verteidigung des Gedichts als "Poesie" verbreitet, zur "notwendigen Richtigstellung von Verdrehungen der rechtsgerichteten Opposition".

Irrationalität, über die niemand lachen kann

 

Diese Irrationalität erschreckt mich. Weil niemand mehr darüber lacht in Venezuela. Als Maduro im Präsidentschaftswahlkampf davon erzählte, dass ihn Chavez' Geist in Gestalt eines Vögelchens inspiriert habe, konnte man es noch als verunglückte Metapher abtun. Aber schon damals sprach er auch von Chavez als einem "Führer, der die Werte Christi verkörperte".

 

Christus braucht man inzwischen nicht mehr, der tote Chavez genügt für die religiöse Überhöhung. Die bolivarische Bewegung scheint sich von einer politischen Glaubensgemeinschaft zu einer Sekte zu entwickeln, mit dem dazugehörigen Fanatismus, der Diskussionsunfähigkeit und natürlich dem Hang zu Abschottung und Verschwörungstheorien. Wenn etwas in Venezuela schief geht, liegt es immer an gegnerischen Machenschaften - ob das nun die Opposition ist oder das kapitalistische Ausland.

 

Ideologie als Massenpsychose

 

Wenn der politische Gegner zum Feind gemacht wird, ist das erschreckend genug. Wenn sich eine Ideologie jedoch als einzig wahre Lehre begreift, wird Kritik zur Häresie und ein Regierungswechsel zur Apokalypse. Das hat mit Demokratie nichts mehr zu tun.

Was mich aber als Deutsche noch mehr erschreckt, ist der Verdacht, dass hier mit kühler Absicht eine Massenpsychose herbei geführt wird. Dass Maduro eben kein naiver Gläubiger ist, der einfach nur ungelenk versucht, sein fehlendes Charisma durch die Überhöhung von Hugo Chavez auszugleichen. Sondern dass die bolivarische Führung bewusst religiöse Symbole einsetzt und religiöse Gefühle instrumentalisiert und damit die spirituellen Bedürfnisse der Menschen missbraucht. Denn in Deutschland ging so etwas immer mit einer Diktatur einher!

Quelle: Deutsche Welle, Autorin: Uta Thofern

Fotoquelle: Hugo Chávez, CC BY-NC-SA 2.0