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Chavez macht sich unsterblich

Nur wenige Sekunden nach der Bekanntgabe des Wahlergebnisses begann in Caracas ein gewaltiges Feuerwerk. Die regierenden Sozialisten waren sich ihrer Sache so sicher, dass sie auf zahlreichen öffentlichen Gebäuden für die anschließende Jubelfeier bereit alles vorbereitet hatten. Venezuela hat gewählt und fast alles bleibt beim Alten.

Die Opposition hat zwar so viel Boden gut gemacht wie schon lange nicht mehr in der nun seit 14 Jahren währenden Amtszeit des "Presidente Comandante". Rund 6,1 Millionen Stimmen bilden eine staatliche Basis des konservativen jugendlichen Herausforderer Henrique Capriles. Doch an den Machtverhältnissen in Venezuela ändert das nichts. „Wir haben einen Traum gehabt, doch der Albtraum geht weiter“, schrieb eine junge Venezolanerin in ihrem Twitter-Account und drückt damit die Stimmungslage der Opposition aus. „Unser Kommandant wird die Revolution vollenden“, hieß es dagegen hoffnungsfroh im Lager der Gewinner.

Der Sieger des Abends heißt Hugo Chavez. Zwar büßte er gegenüber der letzten Präsidentschaftswahl vor sechs Jahren dramatisch an Prozentpunkten ein, auch das selbstgesteckte Wahlziel von zehn Millionen Stimmen verpasste Chavez mit 7,4 Millionen Stimmen deutlich. Doch das Ergebnis ist angesichts der hohen Beteiligung von rund 80 Prozent immer noch deutlich genug, um gegen jede Zweifel erhaben zu sein. Entsprechend gelöst trat Chavez kurz vor Mitternacht auf den „Balkon des Volkes“ wie Chavez den Präsidentenpalast nennt, um mit einem Meer aus rot gekleideten Anhängern minutenlang zu singen. „Es lebe das Vaterland, Venezuela und die Revolution“, rief Chavez, der nun sechs weitere Jahre regieren kann. Am Ende dieser Amtszeit sind es 20 Jahre. Auch für die Gewinner war es ein Abend voller Emotionen.

Bislang bleibt die Gewalt aus

Kardinal Jorge Urosa hatte noch am Wahltag nach Verlassen seines Wahllokals in der Schule San Jose de Tarbes die Venezolaner dazu aufgerufen, das Wahlergebnis anzuerkennen, ganz gleich wer am Ende gewinnen werde. Die Gewalt dürfe nicht die Demokratie besiegen, warnte der Erzbischof der Hauptstadtdiözese Caracas.

Erzbischof Ubaldo Santana aus der zweitgrößten venezolanischen Stadt Maracaibo ermunterte die beiden Kontrahenten, eine Gesellschaft des Friedens und der Demokratie zu errichten.

Mit dem Erfolg gewinnt Chavez die dringend benötigte Zeit, die notwendigen Reformen einzuleiten und einen Nachfolger aufzubauen. Im Wahlkampf wirkte der 58jährige ehemalige Oberst bei weitem nicht mehr so energiegeladen wie in den Jahren zuvor. Die nach eigenen Angaben vollständig überwundene Krebserkrankung hat den Präsidenten viel Kraft und Energie gekostet. Die Herausforderungen, die auf die regierenden Sozialisten warten, erfordern aber die ganze Aufmerksamkeit des Siegers.

Die Hoffnung kann nicht nur auf dem öl beruhen

Chavez hat viele Versprechen gemacht. Das wichtigste: Bis 2019 soll es keine Arbeitslosigkeit und keine Armut in Venezuela mehr geben.

Chavez muss die marode ölindustrie modernisieren. Für die riesigen aber nur schwer zu fördernden ölvorkommen sind internationale Fachkräfte notwendig, die aber wegen der in den letzten Jahren explodierten Kriminalität und Gewalt im Land nur schwer nach Venezuela zu locken sind. Der Sieg des Sozialisten Chavez festigt auch die politische Landschaft Lateinamerikas. Chavez ist mit seinen öl-Milliarden der größte Sponsor der Linksregierungen in Kuba, Nicaragua und Bolivien. Die Opposition in diesen Ländern hatte mit großen Erwartungen den Wahlkampf des jungen Konservativen Capriles verfolgt. Seine Niederlage stärkt nicht gerade ihren Optimismus, eine politische Wende einleiten zu können. Lateinamerika wird auf Jahre hinaus von Linksregierungen dominiert bleiben.

Das Wahlergebnis dokumentiert aber auch die tiefe Spaltung in der venezolanischen Gesellschaft. Chavez würdigte die prompte Anerkennung des Wahlsieges seines Kontrahenten als wichtigen Schritt „zu einem Frieden im Land.“ Es sei notwendig einen gemeinsamen Dialog zu starten, rief Chavez seinem unterlegenen Kontrahenten zu. Wie viel Ernsthaftigkeit in dem Angebot steckt, wird die Zukunft zeigen. Im Wahlkampf hatte sich Chavez einer öffentlichen Debatte mit Capriles noch verweigert. Seine Anhänger hoffen, dass er ihn nun endlich ernst nimmt.

Autor: Tobias Käufer, zur Zeit Caracas