Venezuela |

Chaos nach vier Tagen Stromausfall

Müll auf den Straßen von San Cristóbal. (Symbolfoto: Adveniat/Florian Kopp)

Nach über 100 Stunden Stromausfall hat sich die Situation in Venezuela zugespitzt. Als am Dienstag, 12. März 2019, in weiten Teilen des Landes der Strom langsam zurückkehrte und die Menschen wieder über Internet und geladene Handies verfügten, machten Bilder des Chaos und der Gewalt die Runde: In der Ölmetropole Maracaibo wurden während des Stromausfalls, der auch zur Einstellung des Flugverkehrs geführt hatte, zahlreiche Geschäfte und Einkaufszentren geplündert, darunter der Makro-Supermarkt und das Sambil-Einkaufszentrum. Die Menschen, die seit mehr als zwei Jahren unter der sozialistischen Mangelwirtschaft leiden, nahmen offenbar alles mit, was ihnen in die Hände fiel. Auch heruntergelassene Rolläden hielten sie nicht davon ab. 

Raubüberfälle und Schießereien

Die meisten Geschäfte hatten geschlossen, weil wegen der Hyperinflation und Geldknappheit fast nur noch per Bankkarte bezahlt wird – was ohne Strom nicht geht. Auch die Wasserversorgung kam wegen Ausfall der Pumpen ins Stocken. In Caracas gab es Raubüberfälle,  unter anderem wurde eine Crew von Air Europa angegriffen. Außerdem verbreiteten regierungsnahe paramilitärische Gruppen (colectivos) und das gefürchtete Sonderkommando der Polizei (FAES) am Dienstag Angst und Schrecken, wie Amateurvideos aus dem Viertel Caricuao und dem Westen von Caracas zeigten. Sie schossen demnach willkürlich in Wohnblocks und auf Demonstranten und nahmen Zivilisten fest. 

Kein Schulunterricht und Zwangsurlaub im öffentlichen Dienst 

Die Regierung verlängerte derweil bis Donnerstag den Zwangsurlaub im öffentlichen Dienst und an Schulen. Kommunikationsminister Jorge Rodriguez sprach von fünf elektromagnetischen und cibernetischen Attacken aufs nationale Stromnetz, die das Chaos verursacht hätten. Präsident Nicolas Maduro machte irritiert in einer TV-Ansprache die USA und Gegenpräsident Juan Guaidó für die Situation verantwortlich und ordnete Ermittlungen gegen ihn wegen Sabotage an. Die Regierung habe die Lage im Griff, aber sicherheitshalber sollten sich die Venezolaner auf weitere Stromausfälle vorbereiten. 80 Prozent des venezolanischen Stroms stammt aus dem Stauwerk von Gurí, das seit Jahren unter mangelnder Wartung und Sedimentierung leidet.

Parlament bittet um internationale Hilfe

Der Oppositionsführer zeigte sich derweil auf mehreren Protestkundgebungen in Caracas und animierte seine Anhänger zum Durchhalten. Ihm zufolge starben wegen des Stromausfalls 21 Patienten in Krankenhäusern. Das von der Opposition kontrollierte Parlament erklärte für 30 Tage den Nationalen „Alarmzustand“ und bat um internationale Hilfe. Das regierungstreue Oberste Gericht, verlautete aus gut unterrichteten Kreisen, erwäge eine Express-Aufhebung der parlamentarischen Immunität Guaidós. Der Nationale Sicherheitsbeauftragte, John Bolton, twitterte daraufhin, die USA würden Venezuelas Sicherheitskräfte für die Unversehrtheit von Guaidó und dem oppositionellen Parlament verantwortlich machen. Jegliche Gewaltanwendung gegen sie oder ihre Familien werde auf eine entschiedene Antwort von Seiten der USA treffen. „Die Welt schaut zu“, so Bolton. 

Regierungskritischer Radiojournalist festgenommen

Obwohl eine Mission des UN-Hochkommissariats für Menschenrechte im Land weilte, wurde der regierungskritische Radiojournalist Luis Carlos Diaz festgenommen und im Hauptquartier des Staatssicherheitsdienstes verhört. Ihm hatten Regierungsmitglieder vorgeworfen, an der Sabotage beteiligt gewesen zu sein. „Je mehr sich die Sozialisten in die Enge getrieben fühlen, desto eher sind sie zur Überschreitung aller bisher selbsauferlegten Grenzen bereit“, kommentierte der Journalist Ewald Scharfenberg. Der US-Sonderbeauftragte für Venezuela, Elliott Abrams, signalisierte derweil, dass Spanien Angehörige von Maduros Regierung aufnehmen könnte. „Kuba und Russland sind nicht die einzigen Zufluchtsorte“, sagte Abrams, räumte aber ein, dass bislang noch kein Minister entsprechende Signale gegeben habe. Die USA zogen derweil wegen der sich rapide verschlechternden Sicherheitslage das letzte noch verbliebene Botschaftspersonal ab.

Ecoanalitica: Krise kostet das Land täglich 200 Mio Dollar

Der Stromausfall bringt Maduro auch wirtschaftlich in die Bredouille. Die Ölförderung sank dadurch weiter ab. Durch den Stromausfall büßt das Land nach Ansicht der Wirtschaftsberater von „Ecoanalitica“ außerdem zusätzlich rund 200 Millionen Dollar täglich ein.

Weitere Nachrichten zu: Soziales