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Buen Vivir: Mutter Erde im Mittelpunkt

Zufriedenheit ohne zügellosen Konsum, gemeinschaftliches Zusammenleben, sorgsamer Umgang mit der Natur – all das beinhaltet das in Lateinamerika entwickelte Konzept des „Guten Lebens“. Adveniat-Referent Michael Kuhnert erläutert, was diese Philosophie des „Buen Vivir“ bedeutet und warum man in Europa davon lernen sollte.

Was kann man sich unter dem Konzept des „Buen Vivir“, der Bezeichnung des „Guten Lebens“ vorstellen?

Das Konzept „Buen Vivir - Gute Leben“ wird in der indianischen Asprache Quechua „Sumaq Kawsay“ genannt. Es beinhaltet die Rückbesinnung auf die traditionellen Werte der indigenen Gemeinschaft: Lebenszufriedenheit erreichen, ohne einen großen Materialverbrauch zu haben. Außerdem besagt die Philosophie des „Buen Vivir“, dass das gemeinschaftliche Zusammenleben und vor allem die Beziehung zur Natur von großer Wichtigkeit sind.

Die Gemeinschaft hat Priorität vor dem Individuum?

Ja, das sieht das Konzept vor – und auch, dass die Natur Rechtsperson ist. In unserem westlichen Denkmodell spielt die Natur eine untergeordnete Rolle. Das kommt womöglich unter anderem durch die Fehlinterpretation des Bibelzitates „Macht euch die Erde untertan.“ Die Erde ist für viele von uns ein Objekt, das man nach Belieben zum Wohl des Menschen auspressen kann.

Wir haben ein anthropozentrisches Weltbild, das heißt, der Mensch steht im Mittelpunkt. Die indigene Kosmologie stellt dagegen die Erde in den Mittelpunkt. „Pachamama“ ist die Mutter Erde, die man nicht besudeln und nicht zerstören darf und der man nicht die Luft zum Atmen nimmt.

Wenn man seine Konzentration auf die Erde und nicht auf den Menschen legt, hat das radikale Konsequenzen für die Einstellung zum Leben. Dann heißt es nämlich, wir haben Verantwortung für andere, für alles, was uns umgibt.

Daher bin ich der Ansicht, dass wir uns vom Anthropotheismus, der „Vergötterung“ des Menschen“, ab- und zu einer Kosmovision hinwenden müssen, in der Pachamama im Mittelpunkt steht und die Natur selbst Rechtsperson ist. Allein dadurch, dass die Erde da ist, ist sie schützenswert.

Wie sieht es mit der politischen Umsetzung des Konzepts aus? Kann man Veränderungen in dem politischen System erkennen?

Zwei Länder Südamerikas, Bolivien und Ecuador, haben die Weltansicht des „Buen Vivir“ mit in ihre Verfassung aufgenommen. Das ist ein erheblicher Fortschritt. Bewusst oder politisch umgesetzt wird sie schon in Ecuador. Dort werden alle Maßnahmen mit „Buen Vivir“ überschrieben, beispielsweise die Durchsetzung der Impfungen. Die Vorgehensweise ist zwar noch einfach, aber zumindest ist ein Ansatz da und die Denkrichtung stimmt.

Was kritisieren die Verfechter des "Buen Vivir" am westlichen Lebenstil?

Ein Kritikpunkt von Sumaq Kawsay ist, dass der westliche Lebensstil immer ein „besseres“ Leben anstrebt, aber kein „gutes“. Man will immer mehr. Man definiert alles nur materiell. Die Folgen davon sind die Klimakatastrophe und die Abholzung der Wälder, da der Ressourcenverbrauch zu hoch ist. Nur ein kleiner Teil der Erdbevölkerung, also Europa, Nordamerika und Australien, leben sehr gut. Wir nehmen aber in Kauf, dass viele Menschen ein viel schlechteres Leben haben, in dem wir ihnen die Ressourcen nehmen, die Wälder abholzen und die Fische aus den Meeren abfischen: moderner Raubtierkapitalismus.

Kann man schon erste Fortschritte oder Zwischenergebnisse bei der Umsetzung des Konzepts in Lateinamerika erkennen?

Auf jeden Fall ist „Buen Vivir“ ein großes Thema in Lateinamerika. Die Theologen hier in Europa haben die Aufgabe, das Konzept zu veröffentlichen, zu verbreiten. Es gibt den Indianerrat „Conapi“ (Coordinación Nacional de la Pastoral Indígena), der indirekt von dem Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat finanziert wird. Dieser Rat hat im vergangenen Jahr einen großen Kongress zum „Buen Vivir“ in Paraguay durchgesetzt. Sie haben versucht, die Philosophie des „Guten Lebens“ zu erklären. Das Konzept soll als Lebenshilfe oder als Orientierungshilfe dienen.

Adveniat ist bei dem Konzept Mitfinanzierer. Aber welchen Platz nimmt Adveniat genau in der Philosophie des „Guten Lebens“ ein?

Adveniat macht "Buen ViVir" im Rahmen seines Bildungsauftrages in Deutschland bekannt. Meines Erachtens ist es notwendig, dieses Konzept des „Guten Lebens“ breitflächig in Schulen und Pfarreien vorzustellen, denn es hat einen tief christlichen Ansatze: die Bewahrung der Schöpfung.

Die Fragen stellte Julia Wieczorek.