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Buchrezension: "Das Phantom" B. Traven

B. Traven alias Ret Marut alias Otto Feige; Polizei-Photographie Ret Maruts anlässlich der Verhaftung, London, 1923 (Foto: British Authorities (London, 1923) [Public domain], via Wikimedia Commons)

War der deutsche Schriftsteller, dessen Bücher in 24 Sprachen übersetzt sind und eine Gesamtauflage von geschätzten 30 Millionen Exemplaren erreicht haben, ein „Münchhausen in Mexiko“?  So pointiert wie der Literaturwissenschaftler Jan-Christoph Hauschild in „Das Phantom. Die fünf Leben des B. Traven“ hat diese These bisher noch keiner vertreten. In Hauschilds Biografie erscheint der geheimnisumwitterte, 1969 in Mexiko-Stadt verstorbene B. Traven als eitler Autor, der es mit der Wahrheit nicht so genau nahm, obwohl er unablässig Authentizität für seine Werke reklamierte und darauf beharrte, alles worüber er schrieb, selbst erlebt zu haben. Seine seit Mitte der 1920er Jahre zumeist aus der Sicht der Unterdrückten in einer nüchtern-kraftvollen Sprache verfassten Sozial- und Abenteuerromane, zu deren bekanntesten neben seinem Debüt „Die Baumwollpflücker“ (1925) der von John Huston mit Humphrey Bogart 20 Jahre nach seinem Erscheinen im Jahr 1948 verfilmte „Der Schatz der Sierra Madre“ gehört, haben jedenfalls lange das Bild der Deutschen über Mexiko geprägt. 

Wobei Traven, wie Hauschild betont, nicht zuletzt die Erwartungen des Publikums in Übersee bediente. „Alles, was mit Tropen, Urwald, Indianern, Tigern, Schlangen und dergleichen zusammenhänge“, reize das Interesse des Lesers, schreibt ihm auch Ernst Preczang, der Cheflektor der Büchergilde Gutenberg. Bei dieser gewerkschaftsnahen Buchgemeinschaft, die den Arbeitern durch preiswerte Bücher Zugang zu Bildung und Kultur ermöglichte, veröffentlichte Traven ein Großteil seiner Romane zuerst. Die Büchergilde übernimmt Travens Selbstbild vom armen Poeten, der sich als Tagelöhner und Wanderarbeiter verdingt, nur zu gern: „Es ist sicher, daß Traven seine Geschichten von Goldsuchern, Viehhirten, Baumwollpflückern, Bäckern, Kellnern und Matrosen selbst erlebt hat“, heißt es in der Mitgliederzeitschrift der Gilde. „Wahrscheinlich ist er das alles gewesen – und noch mehr.“ 

Name: unbekannt

Wer hinter dem Namen B. Traven steckt, bleibt indessen lange ungeklärt. Er benutzt weitere Pseudonyme (Ret Marut, Traven Torsvan und Hal Corves), gibt sich als US-Amerikaner aus und hält an dem Versteckspiel um seine Identität bis zu seinem Tode fest. Wie Hauschild anmerkt wurden Spekulationen über das „Mysterium“ B. Traven seit Ende des Zweiten Weltkriegs in beiden Teilen Deutschlands „fester Bestandteil des Kulturjournalismus“. Aber erst eine BBC-Dokumentation aus dem Jahr 1978 konnte Travens Geheimnis posthum lüften: Gebürtig hieß er Otto Feige; er war ein 1882 geborener Maschinenschlosser aus dem ostbrandenburgischen Schwiebus (heute Świebodzin/Polen). Hauschild, der verstreute Briefe, Lebenszeugnisse Travens und Berichte Dritter ausgewertet hat, charakterisiert ihn als jemand, der schon als Kind ein Einzelgänger war, sich von seinen konservativen Eltern unverstanden und zu Höherem berufen fühlte. Er wollte anscheinend aus den beengten proletarischen Verhältnissen ausbrechen und blieb der sozialen Frage doch zeitlebens verbunden. 

Im Ruhrgebiet wird Traven als junger Mann Gewerkschaftssekretär, dann tritt er plötzlich als Schauspieler auf – schon hier benutzt er sein erstes Pseudonym: Ret Marut. Unter diesem Namen gibt er später in München auch die anarchosyndikalistische Zeitschrift „Der Ziegelbrenner“ heraus. Nach der Niederschlagung der Münchener Räterepublik im Mai 1919 wird er als einer ihrer Rädelsführer verhaftet, kann einer Verurteilung aber durch Flucht entgehen. Es folgt eine Odyssee durch Europa, bei der er auch in London Station macht, wo Traven ohne gültige Papiere kurzzeitig in Abschiebehaft genommen wird. 

Auf nach Mexiko

Auf welchem Weg er schließlich nach Mexiko gelangt, das kann auch Hauschild nicht genau auflösen – seine ersten Lebenszeichen von dort datieren auf den Sommer 1924, als er sich in der Nähe der Ölstadt Tampico an der Karibikküste niederlässt. Dort schreibt er seine ersten drei Romane in solch atemberaubender Geschwindigkeit, dass dies allein Anlass zur Vermutung gibt, er könne nicht alles, was er schildert, persönlich erlebt haben. B. Traven behauptet gleichwohl: „Ich spreche aus eigener Erfahrung“, in der „Wahrhaftigkeit“ seiner Bücher liege ihre „ungeheure Kraft und Macht“. Ein einziges Mal wirft Traven – wenngleich wiederum unter einem Alias und als Verteidigungsstrategie in eigener Sache – die völlig berechtigte Frage auf, ob „denn für einen schöpferischen Menschen wirklich nur das eigene persönliche Erleben die einzige Quelle für seine Stoffe und Urteile“ sein müsse, oder ob dem Autor nicht „auch Bücherwissen, Zeitungen, Rundfunk, Vorträge, Begegnungen und Gespräche mit Menschen nützlich sein können“. 

Hauschild liefert aber viele Belege dafür, dass er es darüber hinaus gelegentlich auch mit den Fakten nicht so genau nahm. Das unmenschliche System der Schuldknechtschaft, das im Zentrum seines sechsbändigen Caoba-Zyklus (1931-1940) steht, gab es zum Beispiel damals längst nicht mehr. Dass Traven die Zeitumstände nach der 1910 begonnenen Mexikanischen Revolution kaum interessierten, ist insofern erstaunlich, als der Caoba-Zyklus zum Teil in die Zeit weitreichender Reformen unter Präsident Lázaro Cárdenas fiel, in der auch die im ausländischen Besitz befindliche Ölindustrie verstaatlicht wurde.

Ein Anarchist 

Doch B. Traven war da politisch schon zunehmend ernüchtert, zur Lage der Bauern nach der Revolution stellt er fest: „Sie bleiben Sklaven, mit dem einzigen Unterschiede, daß die Herren gewechselt hatten, daß gerissene Revolutionsführer nun die Reichen wurden und daß Politiker nun die kleinbegüterten, scheinbar befreiten Peones gebrauchten, sich unermesslich zu bereichern.“ Diese Sichtweise mag nicht ganz falsch sein, sie ist aber vor allem ein Reflex Travens anarchistischer Träumereien. In seinem einführenden Essay zu „Regierung“ (1931), dem zweiten Band des Caoba-Zyklus, heißt es: „Regierung ist überall gleich, ist immer Unterdrückung des einen Teils eines Volkes zugunsten eines anderen Teils desselben Volkes.“

Was B. Traven tatsächlich dazu bewegt hat, das Geheimnis seiner Identität mit ins Grab zu nehmen, darüber erfährt man bei Hauschilds manchmal etwas langatmigen Ausführungen über Travens verschlungenen Lebensweg leider wenig. Auch hätten der Biografie Quellennachweise gut getan – Fußnoten gibt es jedoch keine, stattdessen nur einen umfangreichen Literaturanhang. Doch zumindest der Titel ist gut gewählt: Denn ein „Phantom“ bleibt B. Traven bis auf Weiteres. 

Jan-Christoph Hauschild: Das Phantom. Die fünf Leben des B. Traven, 320 Seiten, Edition Tiamat 2018, 24 € 

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