Guatemala |

Breite Offensive gegen Frauenmorde

Guatemalas Staatspräsident Otto Pérez Molina hat eine Task-Force gegen die hohe und zunehmende Zahl von Frauenmorden ins Leben gerufen. Die Nobelpreisträgerinnen für Frieden Rigoberta Menchú und Jody Williams besuchten das Land, um die Staatengemeinschaft über die Risiken für Frauen in dem zentralamerikanischen Land aufzuklären.

Wie die Kommission des Präsidialamts gegen Rassismus mitteilte, waren im vergangenen Jahr 705 Guatemaltekinnen auf gewaltsame Weise ums Leben gekommen. Die meisten von ihnen starben an den Folgen einer Schussverletzung. 2010 waren in dem kleinen Staat am Isthmus 675 Frauen aufgrund ihrer Geschlechtszugehörigkeit umgebracht worden.

"Mit harter Hand" gegen Kriminalität

Gegen die Verbrechen will neue Regierung nun verstärkt vorgehen. "Mit harter Hand" lautet das Schlagwort, unter dem eine Kampagne gegen Kriminalität angelaufen ist. Die vom ehemaligen General Pérez Molina ins Leben gerufene Sondereinheit soll durch eine rigorose Ermittlungsarbeit weitere Morde an Frauen verhindern. Geleitet wird die dem Innenministerium unterstellte Task-Force von der ehemaligen Staatsanwältin Mirna Carrera. "Den Angreifern wird endlich die Botschaft übermittelt, dass solche Verbrechen künftig bestraft werden", sagte Mayra Sandoval von der Beobachterstelle gegen Frauenmord. Neben einer Bestrafung der Täter müssten aber auch Präventivmaßnahmen ergriffen werden.

Gemeinsam mit Mexiko ist Guatemala eines der Länder mit der weltweit höchsten Frauenmordrate. Polizeistatistiken zufolge wurden zwischen 2000 und 2010 etwa 5.200 Frauen umgebracht. Die Lateinamerika-Direktorin der Weltfrauenorganisation UNIFEM, Gladys Acosta, appellierte an die Staatengemeinschaft, angesichts der hohen Zahl brutaler Verbrechen an Frauen aktiv zu werden. Die peruanische Expertin berichtete von Opfern, die mit Dutzenden Messerstichen getötet oder deren Leichen völlig verstümmelt aufgefunden wurden.

Proteste und Menschenketten

Auch die guatemaltekische Zivilgesellschaft hat längst auf das Problem reagiert und auf etlichen Demonstrationen Gerechtigkeit eingefordert. Mehr als 10.000 Menschen stiegen kürzlich aus Protest auf den ´Volcán de Agua´ südwestlich von Guatemala-Stadt, um ein Zeichen gegen häusliche Gewalt zu setzen. Die Teilnehmer des ´Aufstiegs für das Leben´ bildeten eine Menschenkette, die bis zur Spitze des 3.772 Meter hohen Vulkans kam. In seinem Krater stellten sich die Demonstranten so auf, dass sie ein Herz formten. An der ersten Protestaktion dieser Art beteiligten sich Vertreter zahlreicher unabhängiger Organisationen, Jugendgruppen, Privatunternehmen und ausländischer Botschaften.

Der Widerstand seitens der Zivilgesellschaft und der Regierung zeige, dass es im Kampf gegen Frauenmorde kein Zurück mehr gebe, sagte dazu Dora Amalia Taracena von der Organisation ´Convergencia Cívico Política de Mujeres´. Im vergangenen Juli sorgte das mysteriöse Verschwinden von Cristina Siekavizza in Guatemala-Stadt für Aufsehen. Einen Monat später erklärte eine Hausangestellte der wohlhabenden Familie, Siekavizzas Mann Roberto Barreda habe seine Frau totgeschlagen. Barreda befindet sich mit seinen beiden Kindern derzeit auf der Flucht. Wo sich Vater und Kinder seitdem aufhalten, ist unbekannt. Auch der Verbleib der Leiche ist ungeklärt. Der Fall Siekavizza hat eine Welle von Protesten ausgelöst und einmal mehr gezeigt, dass Gewalt gegen Frauen kein Problem ist, das ausschließlich die unteren gesellschaftlichen Schichten betrifft.

Internationale Initiative der Nobelpreisträgerinnen

Die unablässige Gewalt brachte auch die Guatemaltekin Menchú und die US-Amerikanerin Williams auf den Plan. Am 27. Januar traf eine Delegation der ´Nobel Women´s Initiative´ in Guatemala ein, um eine bessere Aufklärung der Frauenmorde und Maßnahmen gegen Straflosigkeit zu fordern. Die Friedensnobelpreisträgerinnen von 1992 und 1997 fuhren in den Verwaltungsbezirk Sololá, um mit Dorfbewohnerinnen über die Gewalt zu sprechen und internationale Empfehlungen auszuarbeiten.

Zuvor hatten sie Mexiko und Honduras besucht. "In den vergangenen Jahren haben wir es geschafft, dass Gewalt gegen Frauen nicht nur als unnatürlich, sondern auch als inakzeptabel angesehen wird", meinte Alitza Navas von der Organisation ´Tierra Viva´. Sie erinnerte daran, dass inzwischen mehrere Gesetze zum Schutz von Frauen eingeführt worden seien, darunter auch ein Gesetz gegen Frauenmorde von 2008.

Evelyn Curruchuche von der Vereinigung zum Schutz indigener Frauen forderte, dass auch die Auslöser der Gewalt berücksichtigt werden müssten. Der Staat müsse sich darum kümmern, die soziale Lage zu verbessern, sagte sie. Neben der Bekämpfung der Armut seien Maßnahmen für gute Bildung und Gesundheitsversorgung notwendig.

Autor: Danilo Valladares, deutsche Bearbeitung: Corina Kolbe, IPS-Weltblick

Meldung zur Protestaktion: Herz aus Menschen gegen Gewalt (20.01.2012)