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Brasiliens bedrohte Richter

21 Schüsse schreckten Brasiliens öffentlichkeit auf. Abgegeben wurden sie am Donnerstagabend, kurz vor Mitternacht, in einem Wohnviertel in Niterói, der Stadt, von der aus man über die Guanabara-Bucht hinüber auf Rio de Janeiros Tafelberge schaut. Unbekannte hatten den Wagen der Richterin Patrícia Acioli gestoppt und mit Kugeln durchsiebt. Die 47-Jährige, die mit Urteilen gegen Rios Polizeimilizen und Todesschwadrone Aufsehen erregte, war auf der Stelle tot. Patrícias Schicksal wirft ein Licht auf Dutzende Justizbeamte, die wegen ihrer harten Haltung gegenüber dem organisierten Verbrechen mit dem Tode bedroht sind.

„Niemand möchte ein toter Held sein"

Fünf Jahre lang, von 2002 bis 2007, lebte die Richterin unter Polizeischutz. Drei Beamte sollten sie rund um die Uhr schützen. Nachdem der Schutz auf nur einen Beamten reduziert worden war, verzichtete sie ganz auf die Begleitung. Ob diese sie am Donnerstagabend wohl gerettet hätte? Mehr als einhundert Justizangestellten erhalten derzeit in Brasilien Morddrohungen.

Im Bundesstaat Espírito Santo lebt der Richter Carlos Eduardo Ribeiro Lemos rund um die Uhr unter Polizeischutz. Obwohl er seit 2006 nicht mehr aktiv in die Ermittlungen gegen Todesschwadrone involviert ist, kann selbst sein zwei Jahre alter Sohn nicht einen Schritt alleine tun. "Wenn ich sagen würde, dass ich keine Angst habe, wäre das gelogen." Ein Richterkollege wurde bereits von Auftragskillern getötet. "Niemand möchte ein toter Held sein," fasst Lemos seine Situation zusammen.

Kopfgeld auf Richter

Odilon de Oliveira, Richter im Bundesstaat Mato Grosso do Sul, steht auf der Todesliste von Verbrecherorganisationen, die in der Grenzregion zu Paraguay mit Drogen handeln. In einem einzigen Jahr hat Oliveira 114 Drogenhändler verurteilt. An Motiven mangelt es also nicht. Genau wie die Verurteilten lebe er nun in einem Gefängnis, meint Oliveira lakonisch, "mit dem Unterschied, dass ich den Schlüssel für meine Zelle habe." Aus Sicherheitsgründen schläft Oliveira in seinem Dienstzimmer, während die Familie unter massiven Polizeischutz in dem Heim der Familie weilt. 300.000 Dollar Kopfgeld sollen auf den Richter ausgesetzt sein.

Alle zwei Wochen verlässt er im gepanzerten Dienstwagen die zur Wohnung umfunktionierte
Dienststube, um seine Frau und die drei Kinder zu besuchen. Ein annähernd normales Leben kennt er
nicht mehr. Selbst Besuche beim Friseur werden zu aufwendig geplanten Expeditionen in die normale
Welt, inklusive kugelsicherer Weste und mit Maschinengewehren ausgestatteter Polizeibegleitung.
Wer sich in Brasilien offen gegen die großen Drogenhändler oder die aus ehemaligen Polizisten rekrutierten Milizen stellt, muss mit dem Schlimmsten rechnen.

Schnellere Prozesse gefordert

Aufgeschreckt von dem Mord an Patrícia Acioli versucht die Justiz des Landes nun ihre Richter besser zu schützen. Es wird über die Einrichtung eigens für den Schutz der Richter zuständiger Behörden diskutiert, über die Personalaufstockung beim Begleitschutz. Doch ob all das im Kampf gegen das immer mächtiger werdende organisierte Verbrechen hilft?

Für den Staatsanwalt José Reinaldo Guimaraes aus Sao Paulo liegt der Schlüssel zum besseren Schutz von Justizangestellten im agileren Vorgehen gegen die Kriminellen. "Wenn man die Prozesse schneller
durch die Instanzen und damit zu einem Ende bringen könnte, würde der Respekt vor der Justiz und
der Strafverfolgung wachsen." Doch könnten sich die Richter dann vor der Rache der Verurteilten sicher fühlen?

Verstrickte Polizeimilizen

Im Fall von Patrícia Acioli deutet derweil vieles darauf hin, dass der Mord aus dem Umfeld der in das organisierte Verbrechen verstrickter Polizeimilizen in Auftrag gegeben wurde. So soll ein Polizeiinformant, der im Auftrag der Milizen Morde ausführt, für die Tat verantwortlich sein. Umbarmherzig sei Patrícia stets gegen die Milizen vorgegangen, hört man Kollegen sagen. Genauso umbarmherzig haben diese nun zurück geschlagen.

Thomas Milz, São Paulo