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Brasilien: Adveniat-Projektpartner flieht vor Morddrohungen

Foto: Thomas Milz
Foto: Thomas Milz

Der Verteidiger des Lebens muss um sein eigenes bangen. Der brasilianische Jesuitenpater Geraldo Marcos Labarrère Nascimento sah es stets als seine Berufung an, Gewalt gegen Jugendliche öffentlich anzuprangern. Selbst wenn er sich dadurch mächtige Feinde schuf. Vor einigen Tagen musste der 71-jährige, der seit Jahren mit Adveniat zusammen arbeitet, aus der zentralbrasilianischen Stadt Goiania fliehen, nachdem er Morddrohungen erhalten hatte. Dahinter stecken Todesschwadrone, die sich aus Angehörigen der Polizeikräfte des Bundesstaates Goiás rekrutieren und sich das Recht nehmen, ihnen unliebsame Personen einfach umzubringen.

Die Situation war im Laufe dieses Jahres eskaliert, nachdem eine Operation der Bundespolizei Mitte Februar insgesamt 19 Angehörige der Policia Militar, der schwer bewaffneten, unter dem Kommando der Landesregierung stehenden Schutzpolizei festnahm. Sie sollen Todesschwadronen angehört haben, die in den letzten 15 Jahren in mindestens neun Städten Kinder und Jugendliche brutal ermordeten. Nach Angaben der Justiz wurden 40 Personen, zumeist afrobrasilianische Jugendliche aus armen Vorstädten, von den Todesschwadronen ermordet. Diese verstehen ihre Mordtaten als eine Form der „Säuberung“ der Gesellschaft von vermeintlich kriminellen Elementen. Unter den Verhafteten war auch der stellvertretende Polizeichef des Bundesstaates. Wesentlich zu den Ermittlungen der Bundespolizei beigetragen hatte Padre Geraldo und die von ihm unterstütze Bürgerbewegung "Violencia Goiás" (Gewalt Goiás), die über Jahre Verbrechen dokumentiert hatte.

Nach den Verhaftungen im Februar wurde Padre Geraldo von der Landesregierung in eine Untersuchungskommission zur vermeintlichen Aufklärung berufen. Da die Kommission ihre Aufgabe ernster nahm als wohl von der Regierung beabsichtigt und immer neue Fälle von Polizeigewalt an die Öffentlichkeit brachte, seien ihre Mitglieder ins Fadenkreuz von Teilen der Policia Militar geraten, vermuten Mitarbeiter von "Violencia Goiás". "Padre Geraldo hat sich die Verteidigung des Lebens auf die Fahne geschrieben, hat in Frage gestellt, ob der Staat seiner Pflicht, das Leben zu verteidigen, auch nachkomme. Und jetzt musste er selber aus Goiania weg, weil sein eigenes Leben bedroht wurde. Und immer noch bedroht ist," so Edmilson Borges da Silva, Erzieher in der "Casa da Juventude", einem von Padre Geraldo geleiteten und von Adveniat unterstützten Jugendzentrum in Goiania.

Bereits seit 2004 habe sich Padre Geraldo in Goiania für die Opfer polizeilicher Gewalt eingesetzt, erzählt Carmen Lúcia Teixeira, Soziologin und Mitarbeiterin des Paters in dem Jugendbildungshaus. In seiner täglichen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen war er immer wieder auf Fälle von polizeilicher Gewalt aufmerksam geworden und scheute nicht davor zurück, öffentlich eine Untersuchung und die Bestrafung der Täter zu fordern. Dies hatte ihm schon vor Aufdeckung der Mordserie in Teilen der Gesellschaft zu einer unliebsamen Person gemacht. Nachdem der Padre im Laufe dieses Jahres mehrere anonyme Morddrohungen erhalten hatte, erreichte ihn in der Nacht des 24. auf den 25. August eine besonders eindringliche Warnung. Ein Mordkommando sei bereits unterwegs zu ihm, und wolle er sein Leben retten, so müsse er den Bundesstaat sofort verlassen. Dabei dürfe er nicht mit dem Flugzeug reisen, da die Todesschwadrone über Wege verfügten, sein Reiseziel heraus zu finden. Padre Geraldo verließ daraufhin umgehend Goiania, mit unbekanntem Ziel.

"Es ist auffällig, wie gut diese Todesgruppen der Polizei hier im Bundesstaat Goiás organisiert sind", urteilt Eduardo de Carvalho Mota, Mitarbeiter von "Violencia Goiás". "Und es fällt auf, wie sehr die Politik die Augen verschließt und dies einfach geschehen lässt. Das gilt auch für große Teile der Gesellschaft, die denkt, dass solche Polizeiaktionen genau der Aufgabe der Polizei entsprechen. Man ist der Meinung, dass nur ein toter Bandit ein guter Bandit ist," so Carvalho Mota. "Violencia Goiás" geht davon aus, dass die Zahl der verschwundenen Jugendlichen wesentlich höher ist als bisher angenommen. Mindestens 200 Fälle seien bekannt, dazu kommt noch eine kaum zu bestimmende Anzahl von Obdachlosen, die in den letzten Jahren spurlos verschwanden. Eventuell wurden auch sie Opfer der Todesschwadrone. Hinter den "Säuberungen" stecke eine brutale Logik, meint Carvalho Mota. "Jugendliche sind etwa dreimal so oft Opfer von Morden wie jede andere Bevölkerungsgruppe. Dahinter steckt eine Logik, die auch von den Medien aufgebaut wurde und besagt, dass Jugendliche gefährlich seien, und dass man sie entweder einsperren oder sogar auslöschen muss."

"Der Staat, der doch - zumindest in der Theorie - existiert, um Menschen zu beschützen, eliminiert diese. Dabei hat Brasilien doch sämtliche internationalen Menschenrechtskonventionen unterschrieben, und in der Gesetzgebung Brasiliens existiert die Todesstrafe nicht - wieso tötet die Polizei dann, wieso tötet der Staat mit Hilfe seiner Polizeikräfte?" fragt sich der Pädagoge Borges da Silva. Ob man sich wenigstens Hoffnung auf eine gerechte Bestrafung der Todesschwadrone machen kann? "Einer der 18 Polizisten, die noch einsaßen, wurde letzte Woche aus der Haft entlassen, da die Frist zur Eröffnung des Prozesses überschritten war," berichtet die deutsche Missionarion Petra Silvia Pfaller, die seit Jahren für die Gefängnispastorale in Goiania arbeitet. "Und diese Woche wird entschieden, ob diese Entscheidung nicht auch auf die anderen 17 noch in Haft sitzenden Polizisten ausgedehnt wird. Eine erschreckende Situation ist das, wobei das Problem hier nicht bei der Polizei liegt, sondern bei der Justiz." Es bleibt wohl wenig Hoffnung auf eine Besserung der Situation.

Thomas Milz