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Brasilien: Abschied von einem „Freund der Indigenen“

Aktuelle Meldung vom 16. Juli 2012

Abschied von einem „Freund der Indigenen“

Große Trauer um einen Kämpfer für die Rechte der Indigenen in Brasilien: Antônio Brand ist am 3. Juli im Alter von 62 Jahren verstorben.

CIMI-Präsident Erwin Kräutler, selbst seit Jahrzehnten ein unermüdlicher Kämpfer für die Rechte der Indigenen, zeigte sich tief erschüttert über den Verlust des Freundes. Als er die traurige Nachricht erhalten habe, sei die gemeinsame Arbeit für den Indigenenmissionsrat noch einmal wie ein Film vor seinem geistigen Auge abgelaufen, schreibt Kräutler in einem auf der CIMI-Website veröffentlichten Abschiedsbrief.

Tauziehen um Indigenenrechte in der Verfassung

In all den Jahren habe eine große Übereinstimmung zwischen ihm und Antônio Brand bestanden, im gemeinsamen Kampf für die indigenen Völker Brasiliens. Es seien entscheidende Jahre gewesen für die indigene Sache: die Zeit der Verfassungsgebenden Versammlung nach dem Ende der Militärdiktatur (1988 wurde die demokratische Verfassung verabschiedet). Die Chance habe damals unbedingt genutzt werden müssen, die indigenen Rechte in der Verfassung zu verankern. Brands Einsatz sei hierbei von entscheidender Bedeutung gewesen. Unzählige Male habe dieser den Kongress in Brasília aufgesucht, schreibt Kräutler, den Freund in der Du-Form ansprechend. Abgeordnete und Senatoren hätten überzeugt werden müssen, die Würde der Indigenen und ihre Rechte zu respektieren.

Gegner schrecken vor nichts zurück

Hierbei mussten starke Widerstände überwunden werden, zum Beispiel habe Brasiliens auflagenstärkste Zeitung eine Kampagne gegen den CIMI geführt. Schmähungen und Diffamierungen seien auf die Fürsprecher der Indigenen niedergeprasselt, man habe stark gelitten. Erwin Kräutler erinnert auch an den Mordanschlag gegen ihn selbst im Jahr 1987, als sein Auto frontal gerammt wurde, und er wie durch ein Wunder überlebte. Antônio Brand habe ihn damals im Krankenhaus in Belém besucht und ihm Trost gespendet: Die Feinde der indigenen Sache würden nicht siegen. Für seine große Hingabe werde er ihm auf Ewigkeit dankbar sein. Und Brasiliens indigene Völker ebenfalls.

Akademiker und Kämpfer

Antônio Brand erlag am 3. Juli im Bundesstaat Rio Grande do Sul einem Organversagen, nachdem er sich zuvor noch von einem Herzinfarkt wieder erholt hatte. Zur Trauerfeier in seinem Geburtsort São José do Sul reisten zahlreiche Indigene, darunter religiöse Anführer, aus Mato Grosso do Sul an. Hier hatte der Indigenenforscher 30 Jahre lang gelebt, mit den Guaraní Kaiowá verband ihn ein enges, vertrauensvolles Verhältnis. In Mato Grosso do Sul gründete er auch den Indigenenmissionsrat CIMI des Bundesstaates, dessen Organisation er viele Jahre lang leitete. Außerdem lehrte er Geschichte an der katholischen Universität Dom Bosco in der Hauptstadt Campo Grande. Zahlreiche Studenten machten bei ihm ihren Universitätsabschluss, zur Finanzierung seines eigenen Studiums erhielt er Unterstützung von Adveniat. Die aus Mato Grosso do Sul angereisten Indigenen hielten nach ihrer Ankunft ein Ritual für Antônio ab: Unter Gesängen und heilige Wörter aussprechend dankten sie ihm für seine über 40 Jahre währende Anwesenheit unter den indigenen Völkern und für seinen entschlossenen Kampf für das Volk der Guaraní Kaiowá. Sein Vermächtnis sei Ansporn, den Kampf für indigenes Land fortzusetzen, erklärte ein religiöser Anführer.

Radikal auf Seiten der Indigenen, aber nicht dogmatisch

Der Linguist José Ribamar Bessa Freire, ein Weggefährte von Antônio Brand, schreibt in einem Nachruf von einer beneidenswerten Eigenschaft des Verstorbenen. Dieser habe es geschafft, radikal zu sein, was die Verteidigung der Indigenen betreffe, ohne jemals fundamentalistisch oder dogmatisch zu werden. Außerdem habe Brand über ungewöhnliches politisches Handlungsgeschick verfügt, das auf einer Analyse der Kräfteverhältnisse beruhte. Er konnte zuhören, auch einmal nachgeben, um hierdurch später einen Fortschritt zu erzielen. Dies habe sich während der Verhandlungen über die brasilianische Verfassung als sehr nützlich erwiesen. Brand sei es zu verdanken, dass diese das Recht auf Unterschiedlichkeit bekräftige, und der Staat selbiges schütze.

Leben den Guaraní Kaiowá gewidmet

José Ribamar Bessa Freire nennt den CIMI eine Schule im Kampf für die Rechte der Indigenen. Ihm und anderen sei das Privileg zuteil geworden, mit wichtigen indigenen Anführern zusammenzuleben. Diese Erfahrungen hätten viele mit an die Universitäten genommen, an denen der Kampf fortgesetzt worden sei. Antônio Brand habe in seiner Doktorarbeit die historischen Prozesse rekonstruiert, die zur gewaltsamen Aneignung indigenen Landes in Mato Grosso do Sul geführt hätten. Sein Verdienst sei auch die Schaffung eines Dokumentationszentrums über die Guaraní Kaiowá, für deren Land, Kultur und Sprache er sich einsetzte. Im akademischen Bereich habe Brand junge Wissenschaftler ausgebildet, indigene und nicht-indigene. Sein Tod hat weit über Brasilien hinaus Anteilnahme ausgelöst. Beileidsbekundungen kamen aus Mexiko, Frankreich, Portugal oder den USA von Anthropologen, Linguisten, Historikern und vielen anderen.

Text: Bernd Stößel

CIMI ist der Indianermissionsrat der Brasilianischen Bischofskonferenz und wurde 1972 gegründet. CIMI steht für Conselho Indigenista Missionário. Er organisiert sich in 11 Regionalstellen sowie das Nationalsekretariat in Brasília. 2012 engagieren sich im CIMI rund 400 Frauen und Männer, Geistliche, Ordensleute und Laien an der Seite der indigenen Völker Brasiliens. Präsident des CIMI ist Dom Erwin Kräutler, Bischof von Altamira. Der CIMI hat Kontakt oder arbeitet zusammen mit den 241 indigenen Völkern Brasiliens. Schwerpunkt ist die Verteidigung der in der Verfassung von 1988 verankerten Grundrechte. Adveniat unterstützt den Indianermissionsrat seit seiner Gründung. Gefördert werden Projekte von einzelnen Teams, die Arbeit der Regionalstellen und das Nationalsekretariat. Adveniat sieht im CIMI einen wichtigen Partner und unerlässlichen Anwalt für die Interessen der indigenen Völker.