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Brasilia: Obdachlose durch Kopfschuss hingerichtet

Eine grausame Tradition setzte sich in diesen Tagen in Brasiliens Hauptstadt Brasilia fort. Am letzten Wochenende wurden wieder zwei Obdachlose von einem Unbekannten durch Kopfschuss getötet. Verbrechen gegen auf den Straßen lebende Menschen haben eine lange Tradition in Brasiliens wohlhabendster Stadt. Jetzt will die Regierung handeln und mehr Schutz bieten.

Brasilia am 10. März. Ivaldo und Adriano schliefen unter eine Baum an einer viel befahrenen Straße. In den frühen Morgenstunden näherte sich ein Mann den beiden Schlafenden und gab mehrere Schüsse auf sie ab. Die Polizei fand die Patronenhülsen vom Kaliber 40 neben den Opfern. Ein anderer Obdachloser, der die Szene beobachtete, meinte zu glauben, dass der Mann der Gruppe seit Tagen per Fahrrad gefolgt sei. Warum die beiden sterben mussten, ist noch unklar.

Erst zwei Wochen zuvor waren zwei weitere Obdachlose angegriffen und in Brand gesteckt worden. Einer von ihnen starb, der andere ringt in einem Krankenhaus noch immer um sein Leben. Augenzeugen berichteten, dass zuerst eine Gruppe von sieben Jugendlichen sich den beiden näherte und versuchte, das Sofa, auf dem beide schliefen, anzuzünden. Nachdem dies nicht gelang, entfernten sich die Täter. Eine Stunde später kamen drei der Jugendlichen zurück und vollendeten die Tat.

Der Preis für einen Mord: gut 40 Euro

Tage später nahm die Polizei vier Verdächtige fest. Angeblich sollen sie vom Besitzer eines Geschäftes bezahlt worden sein, um die Obdachlosen aus der Region zu vertreiben. Der Preis für die Tat: 100 Reais, gut 40 Euro, für jeden der Täter. Vielen Bewohnern Brasilias scheint die Anwesenheit der Obdachlosen ein Dorn im Auge zu sein. Über die letzten 15 Jahre häuften sich Gewaltaktionen gegen die ungewollten Landstreicher.

Der wohl bekannteste Fall ist der des Indio-Führers Galdino Jesus dos Santos, der Mitte 1997 an einer Bushaltestelle von fünf Jugendlichen aus wohlhabenden Familien in Brand gesteckt wurde. Diese sollen den auf einen Bus wartenden Indio mit einem Obdachlosen verwechselt haben. Galdino war in die Hauptstadt gereist, um am "Tag des Indios" für die Zuteilung von Land an seinen Stamm zu protestieren. Im Jahre 2001 wurden vier der Jugendlichen zu jeweils 14 Jahren Haft verurteilt, im Jahre 2004 jedoch wieder entlassen worden.

Menschenrechtsplan zum Schutz der Obdachlosen greift nicht

Ende 2004 schlug ein 17-Jähriger einen Obdachlosen tot, weil dieser ihm angeblich 15 Reais schuldete. Um das Geld einzutreiben, hatte der Jugendliche einen bewaffneten Freund mit zum Tatort gebracht. Fünf Jahre später erschoss ein 50 Jahre alter Bankangestellter zwei Obdachlose, nachdem diese angeblich auf offener Straße Zärtlichkeiten untereinander ausgetauscht hatten.

Brasiliens Regierung will nun endlich handeln und hat eine Sondersitzung des für Obdachlosenbelange zuständigen Kommittees einberufen. Die Menschenrechtsbeauftragte der Regierung, Maria do Rosario, hat zu dem Treffen auch den Gouverneur von Brasilia eingeladen, um über Schritte gegen die Gewalt zu beraten. In dem Ende 2009 erlassenen "3. Nationalen Menschenrechtsplan" der Regierung verpflichtete sich diese zwar, auch das Leben und die Rechte von Obdachlosen zu schützen. Geschehen ist allerdings wenig gegen ein Phänomen, das bereits landesweite Ausmaße annimmt. Zeitgleich mit den beiden Obdachlosen in Brasilia wurde letzten Samstag auch ein Obdachloser in Salvador da Bahia ermordet. Motiv? Unklar!

Autor: Thomas Milz

Verbrechen gegen Obdachlose haben in Brasilia eine lange Tradition. Foto: Escher/Adveniat