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Boff: Franziskus hat Papsttum schon jetzt reformiert

Nach Meinung des brasilianischen Befreiungstheologen Leonardo Boff hat Papst Franziskus das Papsttum schon nach wenigen Monaten Amtszeit reformiert. Mit Franziskus habe er "die Hoffnung, dass die Kirche auf der Seite der Leidenden stehen wird", sagte Boff im Interview des Internetportals weltkirche.katholisch.de in Bonn am Freitag, 6. September. "Ich finde es schade, dass die Armen während der Amtszeiten der vergangenen beiden Päpste keine zentrale Rolle gespielt haben", so der brasilianische Theologe. Johannes Paul II. (1978-2005) und Benedikt XVI. (2005-2013) seien "viel mehr um die Erneuerung der Kirche im Inneren als um die Leidenden besorgt" gewesen. Die Kirche habe dadurch "an Glaubwürdigkeit verloren".

Papst Franziskus wohne nicht mehr im Apostolischen Palast "wie ein Fürst oder ein Monarch", sagte Boff. Er verstehe sich "als Bruder unter den anderen, lebt einfach und schlicht". So habe er sich auch beim Weltjugendtag Ende Juli in Brasilien unter das Volk gemischt, "wollte es berühren und selbst berührt werden". Diese "Einfachheit als Grundhaltung" des Papstes werde "große Auswirkungen auf die Kurie und die Kirchenhierarchie" haben, so der 74-Jährige: "Ich vermute sogar, dass viele Bischöfe in eine Krise geraten werden, weil sie nun selbst viel einfacher leben und mehr Nähe zum Volk zeigen müssen."

Hoffnung auf Weltkirche mit verschiedenen kulturellen Wurzeln

Boff erinnerte daran, dass nur 24 Prozent der Katholiken weltweit in Europa lebten; die meisten kämen dagegen aus Amerika, Afrika und Asien. So gesehen sei "das Christentum eine Dritte-Welt-Kirche". Mit einem nichteuropäischen Papst seien die Kirchen in Lateinamerika, Afrika und Asien "keine Spiegelkirchen der europäischen Kirche mehr, sondern Quellenkirchen". Sie hätten "ihre eigene Geschichte, eigene Heilige und Märtyrer und eine eigene Theologie". Franziskus stehe am Anfang einer "neuen Familie von Päpsten, die aus der Dritten Welt kommen und die Kirche erneuern werden." Die Kirche müsse eine Weltkirche mit Wurzeln in verschiedenen Kulturen sein.

Unter den Päpsten seit 1978 seien mehr als 150 Theologen diszipliniert worden, kritisierte Boff. Dies seien "die besten Theologen in ihren Ländern" gewesen. Der 74-Jährige, dem selbst 1985 unter dem damaligen Kurienkardinal Joseph Ratzinger die Lehrerlaubnis entzogen wurde, sprach von einer regelrechten "Kampagne gegen die Intelligenz des Glaubens".

Franziskus sei hingegen kein Professor; er wolle ein Hirte "mitten im Volk" sein. Er, Boff, vermute, dass der Papst viele Theologen, die ungerecht bestraft worden seien, rehabilitieren werde. Wenn sie wieder in Seminaren arbeiten, Vorträge halten und Exerzitien leiten dürften, wäre dies "eine Art Gerechtigkeit" und ein Zeichen, dass die Kirchenleitung Versöhnung anstrebe.

Quelle: KNA