Mexiko |

Blut einer aztekischen Göttin

Puebla. Blutrot, karminrot, orangerot, dazwischen ein paar Tupfer weiß und rosa. Der Weihnachtsstern-Markt von Atlixco in Zentralmexiko ist ein Schmaus für die Augen. Alljährlich im Dezember kommen Käufer aus dem ganzen Land in das schmucke Kolonialdorf am Fuße des schneebedeckten Vulkans Popocateptl und decken sich mit der beliebten Weihnachtspflanze ein. Hier gibt es die besten Preise direkt vom Erzeuger. Kostet ein kniehoher Weihnachtsstern in Atlixco 160 Pesos (8,50 Euro), muss man in der zwei Stunden entfernten Hauptstadt schon 250 dafür hinblättern. Mexiko ist die Heimat des Wolfsmilchgewächses; die Gärtnereivereinigung von Atlixo gehört zu den größten Produzenten des lateinamerikanischen Landes, von dem aus der Weihnachtsstern seinen Siegeszug um die Welt antrat. In Deutschland ist der Weihnachtsstern mit Orchideen und Alpenveilchen die meistgekaufte Topfpflanze.

In Europa wird er so gezüchtet, dass er zur Adventszeit blüht. Im trockenen, warmen Klima der mexikanischen Hochebene dagegen kann man seine roten Blätter, deren Färbung vom Lichteinfall abhängt, auch schon Monate früher und später bewundern. Er wächst hier wild, ist aber auch als anspruchslose Dekoration in Vorgärten und Parks beliebt, wo er oft mannshoch wird. Bei den Azteken hieß der Weihnachtsstern Cuitla-xochitl, und der Sage nach wurden die obersten Blätter durch die Blutstropfen einer aztekischen Göttin benetzt, die an gebrochenem Herzen starb. Die spanischen Eroberer nannten ihn „Nochebuena“ (Heilige Nacht), weil seine Blätter zur Adventszeit – unter Einfluss der Tag- und Nachtgleiche in Mexiko - besondere Leuchtkraft entwickeln. 1804 brachte ihn der Naturforscher Alexander von Humboldt von seiner Amerikareise erstmals nach Europa mit. In Berlin wurde er katalogisiert und auf den botanischen Namen Euphorbia pulcherrima getauft – die schönste der Euphorbien.

Seinen Ruhm aber verdankt die sternförmige Pflanze dem Umweg über die USA. Der US-amerikanische Botschafter Joel Poinsett, der Anfang des 19. Jahrhunderts in Mexiko stationiert war, begeisterte sich so für die Pflanze, dass er sie an Freunde und Gärtnereien in seinem Heimatstaat Philadelphia schickte. Deshalb ist der Weihnachtsstern auch als Poinsettia bekannt. Deutsche Auswanderer in Kalifornien schließlich etablierten die Poinsettia als weihnachtliche Schnittblume, später dann als Topfpflanze. Noch heute gehören drei Viertel der Patente auf Weihnachtssternsorten der Familie Paul Ecke.

Bis heute ist der Weihnachtsstern die klassische Adventsdekoration – sowohl in Deutschland als auch in Mexiko. Ihr größtes Geschäft machen die Gärtnereien von Atlixco um diese Jahreszeit traditionell mit dem roten Gewächs. 100.000 Pflänzchen in verschiedenen Größen und Farbgebungen hat Fortunato Hernandez von der Gärtnerei Flor de Atlixco in diesem Jahr gezüchtet. Seit April kümmern sich elf Arbeiter um die delikate Pflanze, die mehrfach zurückgeschnitten und gedüngt wird, um rechtzeitig schön buschig und kräftig auszusehen. Noch viel größer ist der Aufwand in Deutschland, wo die Weihnachtssterne in beheizten Gewächshäusern unter reguliertem Tageslichtbefall gezogen werden. Deutschland deckt 80 Prozent seines Bedarfs aus eigener Produktion. Die mexikanischen Weihnachtssterne finden vor allem daheim und in den USA Absatz.

Autorin: Sandra Weiss