Kolumbien |

Bleistifte oder Waffen als Allheilmittel?

Valledupar. Bei 40 Grad im Schatten finden besonders die Pappfächer reißenden Absatz, die Juan Manuel Santos‘ Wahlkampfteam in Valledupar im Norden Kolumbiens verteilen lässt. Die meisten Anwesenden suchen ein Plätzchen im Schatten, und trotz schmissiger Vallenato-Musik und dem reichlich bemühten Animateur kommt Stimmung erst auf, als der schlanke 58-Jährige mit dem angegrauten Haarschopf kurz nach fünf persönlich die Bühne betritt. In einer halben Stunde spult der in London ausgebildete Wirtschaftsfachmann routiniert sein Programm ab: das Versprechen einer lang ersehnten Schnellstraße, die Fortsetzung der Sozialprogramme seines Mentors, Präsident Alvaro Uribe, und immer wieder „mehr Sicherheit“ und die Warnung vor „einem Sprung ins kalte Wasser“. „Ich halte die Fackel Uribes hoch“, verspricht Santos und erntet dafür den lautesten Beifall des Abends.

„Ohne Sicherheit geht gar nichts“

Dann ein paar flotte Tanzschritte mit seiner Frau – und im Eiltempo wird Santos von einem halben Dutzend Bodyguards in seinen schwarzen Geländewagen geschleust. Ein Treffen mit örtlichen Unternehmern und mächtigen Lokalpolitikern steht an. Eine typische, lateinamerikanische Kampagne. „Santos hat eine harte Hand und wird die ganzen Banditen in Zaum halten“, begründet die 44-jährige Hausfrau Jenny Camano ihre Unterstützung für den Sprössling einer der einflussreichsten Familien des Andenlandes, unter anderem Herausgeber der größten Tageszeitung „El Tiempo“. „Er hat das klarste Programm, ohne Sicherheit geht gar nichts“, sagt der 35-jährige Musiker Ciro Meza, dessen Frau vor einigen Jahren entführt und gegen Lösegeld wieder freigelassen wurde.

Santos setzt auf Bewährtes

Santos, als Verteidigungsminister verantwortlich für die spektakuläre Befreiung der entführten Ex-Präsidentschaftskandidatin Ingrid Betancourt und für die Militärattacke auf ein Lager der Farc-Guerilla in Ecuador, bei der Rebellensprecher Raul Reyes ums Leben kam, setzt auf Bewährtes. Bis vor zwei Monaten sah er damit noch wie der sicherere Sieger der Präsidentschaftswahl am Sonntag aus. Doch dann erkoren Netzwerke wie facebook und twitter plötzlich den Mathematik- und Philosophieprofessor Antanas Mockus zu ihrem Favoriten – und dessen Umfragewerte wuchsen wie Schaum. Mockus, ein exzentrischer Intellektueller litauischer Abstammung, umgab sich mit so populären Figuren wie dem Mitte-Links Ex-Bürgermeister von Medellin, Sergio Fajardo, dem rechtsliberalen Ex-Bürgermeister der Hauptstadt Bogota, Enrique Penalosa, und dem linken Gewerkschafter Lucho Garzón. Vier Egos in grünen Poloshirts, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Die Gruppe, „die fantastischen Vier“ getauft, überraschte durch Teamgeist und eine Botschaft, die offenbar den Nerv Kolumbiens traf.

Mockus spricht von Hoffnung und Transparenz

In Cúcuta, einem gesichtslosen Grenzstädtchen nahe Venezuelas, kreischen die Studenten wie beim Konzert eines Popstars, als die vier die Bühne betreten. Ruhig wird es erst, als der ältere Herr mit Lincoln-Bart das Mikrofon ergreift. Die steifen Bewegungen verraten die beginnende Parkinson-Krankheit. Seine Sätze sind ausschweifend, oft macht er lange Pausen. Mockus ist ein Kant-Bewunderer, der mit erhobenem Bleistift gegen den Waffenkult zu Felde ziehen will- etwas Außergewöhnliches in einem Land, das seit 60 Jahren von Gewalt und Bürgerkrieg geprägt wird. „Schau jetzt deinem Nachbarn tief in die Augen und sage zehnmal ‚dein Leben ist heilig‘“, fordert er das Publikum auf, das begeistert mitmacht. Ein bisschen Show, etwas Psychotherapie, ein wenig Gottesdienst. Eine Kampagne der Symbole und der Emotionen. Mockus redet nicht wie ein Technokrat von Effizienz und Zahlen, er macht keine vollmundigen Versprechen wie ein Populist. Konkrete Aussagen sind rar, sein Programm wurde erst vor kurzem in einem kollektiven Brainstorming zusammengeschustert. Vielmehr redet er von Hoffnung und Transparenz, verspricht eine kulturelle Transformation – etwas, was als verquast empfunden werden könnte, hätte der Ex-Bürgermeister darin nicht Erfolge vorzuweisen. Den Hauptstädtern brachte er mit Clowns ordentliches Benehmen im Verkehr bei, „weil die Bogotaner die Lächerlichkeit mehr fürchten als die Bestrafung“, die Mordrate senkte er durch eine nächtliche Sperrstunde und einen Ausgehabend „nur für Frauen“.

Krasser Gegensatz zu Uribe

Krasser könnte der Gegensatz zu Uribe nicht sein, dem Hardliner und Großgrundbesitzer aus der Region Antioquia, der mit Militärmacht die vergangenen acht Jahre die Guerilla in die Knie gezwungen hat und dessen Politik der demokratischen Sicherheit das Reisen in Kolumbien wieder möglich, den Warentransport wieder sicher gemacht hat. Uribe genießt dafür Respekt bei drei Viertel aller Kolumbianer. Wieso also könnten sie ihm und seinem Kronprinzen den Rücken kehren und laut Umfragen Mockus in der Stichwahl zum Präsidenten machen?

Da sind zum einen die Skandale, die die zweite Amtszeit Uribes geprägt haben: Abhör- und Korruptionsaffären, Menschenrechtsverletzungen, Knatsch mit der Justiz und Dauerstreit mit dem Nachbarn Venezuela, dem wichtigsten Absatzmarkt für kolumbianische Exporte. „Ein Caudillo vererbt sein Charisma nicht“, sagt der Politologe Alvaro Forero. Mockus hingegen scheint der Drahtseilakt zwischen Wandel und Kontinuität besser zu gelingen als Santos: „Die Wähler sehen in ihm einen Garant der Sicherheitspolitik Uribes, aber frei von Uribes Sünden, während Santos Gefahr läuft, dass man nur die schlechten Dinge Uribes auf ihn projiziert“, sagt der Analyst Alfredo Rangel.

„Stunde der Bildung“

Für die 70jährige Marta Sánchez ist ausschlaggebend, dass sie Mockus für einen ehrlichen Menschen hält. Die Werbeexpertin Guiomar Jaramillo erhofft sich von ihm eine friedlichere Zukunft für ihre Enkel. Der 21jährige Jaime Flores wählte früher Uribe, sieht aber nun „die Stunde der Bildung“ gekommen. “Ich habe zum ersten Mal das Gefühl, Teil einer Revolution zu sein, und zwar einer friedlichen Bürgerrevolution”, sagt Ex-Guerillero Antonio Sanguino.

Die “Mockusmanie” hat einen Schwall von Kreativität freigesetzt. Die Kampagne wird überwiegend von tausenden von Freiwilligen gemacht, die eigenständig Plakate kreieren, T-Shirts bedrucken lassen, Videos in youtube stellen oder per Facebook zu flash-mobs aufrufen: Spontane Happenings grün gewandeter Fans in Einkaufszentren und auf Plätzen. “Ich weiß nicht, ob Mockus wirklich gewinnen wird und wie seine Ideen dann umgesetzt werden. Aber er hat das Land aufgerüttelt, und bis zur Wahl träume ich, dass ein anderes Kolumbien möglich ist”, sagt die Studentin Omaira Mosquera.

Autorin: Sandra Weiss