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Bischof von Tumaco fordert soziale Investitionen

Bischof Orlando Olave Villanoba von Tumaco bemängelt staatliche Vernachlässigung. Foto: Adveniat/Titus Lambertz
Bischof Orlando Olave Villanoba von Tumaco bemängelt staatliche Vernachlässigung. Foto: Adveniat/Titus Lambertz

Blickpunkt Lateinamerika: Der Friedensschluss mit der Farc-Guerilla sollte Kolumbien Frieden bringen. Doch in Tumaco eskaliert die Gewalt. Können Sie aktuelle Zahlen nennen? Woran liegt das?

Bischof Olave Villanoba: Zunächst mal wurde ja nur mit der Farc ein Friedensabkommen geschlossen, nicht mit den anderen bewaffneten Gruppen im Land. Wir haben im Land rund 16.000 bewaffnete Kämpfer. Aber nur die Farc wurde entwaffnet. Das hat in vielen Regionen Kolumbiens tatsächlich dazu geführt, dass sich die Situation verbessert hat. Insgesamt gibt es kolumbienweit weniger Entführungen, weniger Erpressung, weniger Morde.

Aber es gibt bestimmte Regionen dazu gehören z. B. Norte de Santander, Chocó, Nariño und Catatumbo -, in denen weiterhin bewaffnete Gruppen agieren. Dort haben wir es mit zwei Phänomenen zu tun, die in ihrer Dimension deutlich unterschätzt wurden: den illegalen Bergbau und den Koka-Anbau. Auch abtrünnige Farc-Mitglieder, die dem Friedensprozess nicht getraut haben, bilden hier weiterhin Splittergruppen, die sich durch illegalen Bergbau sowie Koka-Anbau, Kokainproduktion und –schmuggel finanzieren. In diesen Regionen ist ein Anstieg der Gewalt zu beobachten. In Tumaco sind in diesem Jahr bereits 186 Personen ermordet worden. Ungefähr vierzigtausend Hektar Koka-Anbaufläche gibt es hier.

Die genannten Regionen sind seit jeher vernachlässigt worden: Es gibt kaum soziale Medien und keine Arbeitsmöglichkeiten. Die illegalen Strukturen sind eine logische Konsequenz der minimalen staatlichen Präsenz in diesen Regionen. Die Menschen haben schlicht keine Alternative zum Koka-Anbau. Hinzu kommt, dass in dem Augenblick, als die Farc sich in die Entwaffnungszentren zurückzog, nicht der Staat, sondern andere bewaffnete Gruppen in das Machtvakuum vorstießen - vor allem mexikanische Drogenkartelle, deren bevorzugte Schmuggelrouten durch das Gebiet führen.

Was muss passieren, damit sich die Situation ändert?

 

Es kann keine partiellen Lösungen geben, sondern nur strukturelle: Die Region hat sehr viele Potentiale: Tourismus, Industrie, Transportwesen. Aber zunächst muss der Staat für zwei Dinge sorgen: Soziale Investitionen und innere Sicherheit. Das ist die Voraussetzung, damit die Wirtschaft investiert. Das geht nicht von jetzt auf gleich, sondern nur langfristig, aber man muss damit jetzt beginnen.

 

Wie versucht die Kirche, den Menschen in Tumaco beizustehen und Frieden zu fördern?

 

Die Kirche hat sich immer schon für Frieden und Versöhnung in der Region eingesetzt. Wichtig ist die Evangelisierung: Wir müssen die Botschaft des Evangeliums in die Herzen der Kinder, der Jugendlichen und der Erwachsenen pflanzen. Aber ebenso wichtig sind die sozialen Projekte. Dank Adveniat, das uns schon seit so langer Zeit unterstützt, haben wir sehr viel erreicht: Die Aus- und Fortbildung unserer Katecheten und Mitarbeiter, den Bau von Kirchen- und Gemeinderäumen die wenigen und oft einzigen Räume, in denen sich die Menschen treffen können. Auch Zuschüsse für den Kauf von Fahrzeugen sind wichtig, weil wir nur so die Menschen in den abgelegenen Regionen besuchen können. Denn hier gibt es keine Zugstrecken und vielerorts keine Busverbindungen.

Eine besonders schöne Erfahrung ist das von Adveniat unterstützte Jugendprojekt „Theater für den Frieden“, wie auch die Workshops zur gewaltfreien Lösung von Konflikten. Friedensarbeit geschieht vor allem durch die so genannten COPPAS, die sozialpastoralen Gruppen, die im Dialog mit den Menschen die soziale Transformation in ihren Gemeinden vorantreiben. Das ist ein Impuls, der von der Kirche ausgeht, um Frieden und Versöhnung zu erreichen.

Präsident Duque fährt eine harte Linie gegenüber der ELN. Droht ein Rückschritt in Kriegszeiten?

Wir haben als Kirche Vertrauen, dass der Friedensprozess fortgesetzt wird. Es ist offensichtlich, dass die Regierung eher eine harte Position vertreten muss, um als Verhandlungspartner Stärke zu zeigen. Zudem haben Entführungen und Anschläge der ELN zu einer Verschlechterung der Beziehung beigetragen. Aber wir haben den Eindruck, dass es auf Seiten der Regierung ein großes Interesse gibt, den Friedensprozess fortzusetzen, auch wenn gerade in den Städten die Zustimmung eher niedrig ist.

Deshalb glaube ich, dass es hilfreich wäre, die Verhandlungen in Kolumbien, nicht außerhalb, weiterzuführen. Das würde den Prozess sehr viel transparenter machen. Das hat natürlich alles Vor- und Nachteile. Die Verhandlungen im Ausland zu führen, garantiert ein größeres Maß an Vertraulichkeit. Aber dadurch, dass mit der Farc in Kuba verhandelt wurde, waren die Menschen über viele Details nicht gut informiert, sodass das Referendum über den Friedensvertrag scheiterte. Das Dokument war einfach zu wenig gesellschaftlich verankert eine Folge der Distanz. Nachdem die ELN die Geiseln freigelassen hat, sind wir zuversichtlich, dass es weitergeht. Als Kirche bieten wir weiterhin unsere Unterstützung und unsere Hilfe in diesem Prozess an.

Interview: Nicola van Bonn

Frieden jetzt! - Versöhnungsarbeit in Kolumbien

Das Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat steht seit Jahren an der Seite der Nationalen Versöhnungskommission Kolumbiens und unterstützt aktiv zahlreiche Projekte für den Frieden, zum Beispiel auch in Tumaco. Helfen Sie mit!

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