Haiti |

Bildungsmisere wächst stetig

Es ist eines der bildungsschwächsten Länder Lateinamerikas und der Karibik: Haiti. Seit dem verheerenden Erdbeben 2010 liegt das Bildungssystem wie andere große Teile des Landes noch in Schutt und Asche. Haitis Präsident Michel Martelly versprach in seinem Wahlkampf eine kostenlose Grundschulbildung einzuführen, doch bisher hat sich wenig an den katastrophalen Zuständen geändert.

Mit einer Analphabetenrate von über 50 Prozent und einer Anzahl von 500.000 Kindern, die nicht zur Schule gehen, bildet Haiti mit Abstand das Schlusslicht im lateinamerikanischen Bildungsranking. Die kritische Situation im Bildungssektor herrschte jedoch schon vor dem Erdbeben 2010. Haitis Schulsystem ist geprägt von Privatschulen, die 92 Prozent aller Schulen ausmachen, aber vom Großteil der Bevölkerung auf Grund fehlender finanzieller Mittel nicht in Anspruch genommen werden können.

Immer wieder werden mehr Staatsausgaben für öffentliche Schulen gefordert, damit die Bildung nicht nur den Reichen vorbehalten bleibt. Diese Forderungen kommen nicht nur von den Haitianern selbst, auch der Druck internationaler Organisationen wächst: Das Institut für Frieden der Vereinigten Staaten (USIP) schlägt in seinem Bericht über die Bildungssituation in Haiti 2010 verschiedene Maßnahmen zu Besserung des Systems vor, insbesondere den Ausbau des öffentlichen Bildungssektors. Diese Forderungen wurden schließlich beim Präsidentschaftswahlkampf 2010/ 2011 aufgegriffen, wo sich die meisten der Kandidaten für eine Verbesserung der Bildungslage im Land aussprachen. Gewinner der Wahl und heutiger Präsident, der frühere Sänger Michel Martelly, hat allerdings diesbezüglich bisher kaum etwas umgesetzt.

Ländliche Bevölkerung kommt zu kurz

Für die Schulen verantwortlich ist das Ministerium für Bildung „Ministère de l’Education Nationale et de la Formation Professionnelle“ (MENFP), das aber auf Grund seines stark bürokratischen Wesens seinen Aufgaben zur Überprüfung, Evaluierung und Verbesserung des Schulsystems nicht nachkommt. So hat es zum Beispiel veranlasst, dass die ländlichen Regionen, in denen 70 Prozent der Bevölkerung lebt, nur 20 Prozent der Bildungsausgaben des Staates bekommen. Die ländliche Bevölkerung wird zudem noch sprachlich diskriminiert, da der Unterricht laut Richtlinien auf französisch statt finden soll, obwohl auf dem Land überwiegend kreolisch gesprochen wird.

Viele Eltern können sich nur leisten eins ihrer Kinder zur Schule zu schicken oder teilen das Schulgeld auf ihre Kinder auf, sodass sich die Kinder mit dem Schulbesuch tageweise abwechseln. Darunter leiden vornehmlich die Mädchen, die im Haushalt mithelfen oder schon selbst arbeiten gehen müssen. Der unregelmäßige Schulbesuch und anfallendes Schulgeld führen dazu, dass viele Schüler ein Jahr wiederholen müssen oder die Schule ganz verlassen. Denn neben den im Durchschnitt 70 US-Dollar Schulgebühren pro Jahr fallen auch noch Kosten für Schuluniformen und Materialien an – Geld, das viele Familien nicht aufbringen können.

Zerstörte Schulgebäude und eklatanter Lehrermangel

Die Erdbeben-Katastrophe von 2010 hat die Bildungssituation noch verschlimmert: Nicht nur etliche Schulgebäude wurden zerstört, sondern auch Hunderte von Lehrern sind bei dem Beben ums Leben gekommen, so dass eklatanter Lehrermangel herrscht. In ländlichen Gegenden gibt es seit jeher zu wenige Schulen. Manch ein Kind muss stundenlange Fußmärsche zurücklegen, um am Unterricht teilnehmen zu können. Der Notstand an Gebäuden bedeutet, dass sich in Haitis Klassen bis zu 225 Schüler tummeln, die nur von wenigen Lehrern betreut werden.

Da ein Lehrer in Haiti zu wenig verdient, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten, müssen sich die Lehrkräfte oft mit Nebeneinkommen über Wasser halten. Aus diesem Grund interessieren sich immer weniger Haitianer für diesen Beruf. Gleichzeitig wandern ausgebildete Lehrer vermehrt ins Ausland ab. Auch die Ausstattung - selbst von Privatschulen - ist dürftig: oft fehlen Pulte, Sitzplätze, Materialien oder technische Geräte, was Unterricht fast unmöglich macht. Hinzu kommt, dass wenig in die Aus- und Weiterbildung der Lehrkräfte investiert wird, sodass nur 60 Prozent der Lehrer an Privatschulen – weniger noch an öffentlichen Schulen – überhaupt eine pädagogische Qualifikation haben.

Bildung ist Schlüssel zum Schritt aus der Armut

Was hat diese Bildungsmisere zur Folge? Zunächst sorgt sie dafür, dass Haiti weiterhin das ärmste Land der westlichen Hemisphäre bleibt. Bislang können sich weite Teile der Bevölkerung nur begrenzt am politischen, sozialen oder ökonomischen Leben beteiligen und dadurch nur wenig ihrer eigenen Meinung und Stimme Gehör verschaffen. Um dem Teufelskreis der Armut zu entrinnen, ist Bildung der Schlüssel. Gut ausgebildete junge Menschen sind ein Motor für wirtschaftliche Entwicklung und Wohlstand. Der Wiederaufbau Haitis ist der erste Schritt. Reformen im Bildungssystem der nächste. Erst dann kann sich das Land von seinem Schicksalsschlag und der wirtschaftlichen Situation erholen und seine Rolle als Armenhaus Lateinamerikas ablegen.

Autorin: Hannah Simon

Klassenzimmer einer Schule in Hinche, Haiti. Foto: Steffen/Adveniat