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"Bierfest, Kuchen, Feuerwehr" deutsche Traditionen im Süden Chiles

Der Süden Chiles wurde im 19. Jahrhundert neue Heimat tausender Deutscher Emigranten. Für die meisten war es eine Erfolgsstory. Bis heute sind die Spuren der deutschen Einwanderung vor allem in der Gegend um den Llanquihuesee sichtbar. Die Nachfahren pflegen intensiv deutsche Feste, Traditionen, und horchen deutschen Radiosendungen.

Heinz Schwarz ist felsenfest überzeugt: „Skatspielen ist die einzige Aktivität, wo noch deutsch gesprochen wird“. Jede Woche spielt der rüstige Rentner im deutschen Club von Puerto Varas mit einem guten Dutzend Clubmitgliedern Karten, und über das Skatklopfen hätten „viele Chilenen schon deutsch gelernt“ nicht nur beim Reizen. Puerto Varas liegt am Llanquihuesee, mit einem einzigartigem Panoramablick auf schneebedeckte Berggipfel der Anden am Horizont, davor eine vulkanisch geprägte Hügellandschaft und am gegenüberliegenden Ufer der zweieinhalbtausend Meter in den Himmel ragende Vulkan Osorno: Eine Landschaft wie im Schwarzwald oder in der Schweiz.

Im nahe gelegenen Pazifikhafen des späteren Puerto Montt waren 1852 die ersten deutschen Einwanderer gelandet, angelockt von Werbern der chilenischen Regierung, die den brachliegenden Süden mit Immigranten besiedeln wollte.

„Vermutlich gibt es weltweit keinen Flecken Land, wo deutschsprachige Einwanderer in so geringer Zahl ein Land kulturell so verändert haben wie hier am See“, ist Klaus Weidinger überzeugt, der pensionierte Direktor der deutschen Schule in Frutillar. Im Ferienort am Llanquihuesee geht die deutsche Präsenz weit über Skatspielen hinaus: Das Restaurant im „Club Aleman“ direkt an der Uferpromenade verköstigt mit Eisbein, Sauerbraten, Spätzle und Bier der Brauerei Kunstmann. Die Pensionen entlang der Promenade heißen „Opas Haus“, „Hotel Frau Holle“, die Konditoreien werben mit „Kuchen“ nach deutschen Rezepten, die Häuser im Stile schweizerisch-süddeutscher Holzarchitektur, mit Erkern, Zwiebeltürmchen und Schindeldächern, die Vorgärten mit akkurat geschnittenen Brombeer- und Johanisbeerhecken, die mannshohe Kuckucksuhr direkt am Strand verwandeln den 5.000 Seelenort in ein begehbares deutsches Heimatmuseum. „ Es wird viel deutsch gesprochen, es gibt deutsche Chöre, das Bierfest, deutsches Radioprogramm, die deutschen Feuewehrkompanien…“ die Aufzählung von Hermann Hofmann, einem Tierarzt und Hobbyhistoriker in Frutillar, widerlegt Heinz Schwarz mit seiner These vom Skatspiel als letztem Hort deutscher Sprach- und Traditionspflege.

Der Männerchor von Puerto Varas nennt sich ungeniert „alte Kameraden“, eher eine Reminiszenz „an Wilhelminische Zeiten und das Zeitalter Bismarcks“ mit Liedern, die sie in der Kindheit gelernt hätten, versichert Klaus Weidinger. Auch wenn mancher Nazi in der Gegend untergeschlüpft sei und Gesandte der NSDAP bei ihrer Propaganda in deutschen Schulen und sonstigen Gruppierungen damals sehr erfolgreich gewesen seien. Den Verdacht, dass manche Deutschstämmige durchaus mit dem Hitlerregime fraternisiert hätten, bekräftigt auch Wolf-Dieter Heim, Ex-Schuldirektor von Puerto Varas, der seit 20 Jahren jeden Sonntag die „Deutsche Stunde“ im „Radio Gratisima“ moderiert, einem Lokalsender von Puerto Varas. Er versorgt seine Zuhörer zweisprachig nicht nur mit deutscher Blasmusik und Schlagern von Freddy Quinn, sondern auch mit Nachrichten aus der ehemaligen Heimat: „Das interessiert die Leute hier, das bringt keine Zeitung“, erzählt der gemütliche, vollbärtige Rentner, dessen Familie aus Zwickau stammt und der neben Nachfahren von Deutschstämmigen auch viele Chilenen zu seinen Hörern zählt, die kein deutsch sprechen, „aber denen gefällt die Musik und meine Kommentare“. Zum festen Traditionsbestand in den Siedlungen rings um den Llanquihuesee zählen auch die deutschen Feuerwehrkompanien, die sich mit den einheimischen Kompanien einen permanenten Wettstreit liefern, wer „die beste Ausrüstung und Geräte, und die beste Ausbildung“ biete, gesteht Vizekommandant Viktor Mödinger, dessen Urgroßvater zu den ersten Einwanderern zählte, und der nach seiner Metzgerlehre im schwäbischen Bad Buchheim heute in seiner Fleischfabrik mit 500 Angestellten Wurstspezialitäten nach deutschen Rezepten produziert. Seine Hunde schnauzt Viktor Mödinger nur auf Deutsch an, „irgendwie hat das Deutsche so eine Schärfe, da parieren die sofort“. Seine Freizeit investiert der Fünfzigjährige neben der Feuerwehr in den deutschen Sportverein in Llanquihue, dessen Paradedisziplin Faustball ist, eine vor allem in deutschstämmigen Kolonien in ganz Südamerika immer noch beliebte und gepflegte Sportart. Llanquihue war immerhin Austragungsort der Männer-Weltmeisterschaft 1992 und diverser internationaler Juniorenwettkämpfe. Aber so richtig geht die Post einmal im Jahr beim Bierfest auf dem Sportgelände ab. Neben Geschicklichkeit und Traditionsbewusstsein ist vor allem Trinkfestigkeit gefragt. Beim Staffellauf spurten die Sportler zu einem mit Biergläsern drappiertem Campingtisch, trinken ein 0,33 Glas auf Ex aus und schicken den nächsten auf die Reise. Der Höhepunkt des Abends, wenn im Bierzelt die Tagessieger gefeiert und begossen werden, ist die Kür der „Dirndlkönigin“, wobei zumindest die Urteilskraft der männlichen Festgemeinde bereits erheblich eingeschränkt sei dürfte.

Text und Foto: Gottfried Stein