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Berlin: Die Sorge für die Armen und Schwachen lebendig halten

Wolfgang Thierse, Felix Neumann, Martina Köppen, Elisabeth Eicke, Prälat Bernd Klaschka, Ute Welty (v.l.)
Wolfgang Thierse, Felix Neumann, Martina Köppen, Elisabeth Eicke, Prälat Bernd Klaschka, Ute Welty (v.l.)

Berlin/Essen, 6. 12 2012. „Wir müssen die Sorge für die Armen und Schwachen in den Gemeinden lebendig halten!“ Prälat Bernd Klaschka, Geschäftsführer des Lateinamerika-Hilfswerks Adveniat, wurde beim 6. „Politischen Forum“ in Berlin deutlich: „Wir Christen müssen der Stachel im Fleisch der Gesellschaft sein.“ Große Pfarrstrukturen liefen Gefahr, diese Nähe zu den Nöten der Menschen zu verlieren. „Initiativen, Basisgemeinden können schneller reagieren als große Institutionen“, sagte Klaschka. „Erfahrungen der Basisgemeinden in Lateinamerika können uns in der Reflexion dieser Situation helfen.“

Beim 6. Politischen Forum in Berlin diskutierten Vertreter von Kirche, Gesellschaft und Politik über die Frage von Subsidiarität: „Wieviel Nähe braucht die Kirche?“ Eine Gruppe müsse überschaubar sein, um Heimat zu bilden, sagte der Freiburger Politologe Felix Neumann. „In Sachen Pfarreien sind wir da auf einem entgegen gerichteten Weg.“

Wolfgang Thierse, Vizepräsident des Deutschen Bundestages und wie Felix Neumann Mitglied im Zentralkomitee der Deutschen Katholiken (ZdK), beklagte die hierarchische Führung in der Kirche, die Veränderungen in den pastoralen Strukturen schwierig mache. „Revolutionen werden nie von oben gemacht, sondern kommen von den Rändern her.“ Ein neues Konzil sehe er daher nicht als möglichen Weg für Veränderungen, betonte der Politiker.

Von den Kirchlichen Basisgemeinden in Lateinamerika lerne die Kirche in Hildesheim viel, betonte Elisabeth Eicke, Vorsitzende des Diözesanrates der Katholiken im Bistum Essen. Seit 25 Jahren pflegt das Bistum eine lebendige Partnerschaft mit der Kirche in Bolivien. Die Kirche in Bolivien sei nahe bei den Armen und sie sei in der Gesellschaft präsent, sagte Eicke. „Wenn unsere Kirche weiterhin lebendig sein will, muss sie schauen, wie sie bei den Armen sein kann. Die Kirche in Bolivien gibt uns da ein Beispiel.“

Die Eröffnung der Adveniat-Jahresaktion am 1. Adventsonntag 2012 in Hildesheim könne ein weiterer Impuls für die Menschen im Bistum sein, die Kirche lokal vor Ort zu gestalten, sagte Elisabeth Eicke. Die Ortskirchen in Lateinamerika hätten große Erfahrungen im pastoralen Einsatz der Laien. Diese Erfahrungen insbesondere aus der Ortskirche in Bolivien fließe in den Diskussionsprozess über die Zukunft des Bistums Hildesheim ein. Adveniat stellt in der Jahresaktion 2012 die kirchlichen Basisgemeinden in den Themenfokus.

Anders als in Lateinamerika sei die Kirche in Deutschland gesellschaftspolitisch stark verankert, betonte Martina Köppen, Leiterin des Katholischen Büros Berlin-Brandenburg. So habe die Kirche früh Einfluss zum Beispiel auf die Gesetzgebung. Soziale Arbeit geschehe in hoch professioneller Weise über Caritas und Diakonie. Dennoch müsse die Kirche darauf achten, „dass in unseren Gemeinden nicht nur die bürgerliche Schicht präsent ist wir dürfen die Armen nicht vergessen“, zitierte Köppen den Berliner Kardinal Woelki. Caritas als gelebte Nächstenliebe sei ureigenste Aufgabe der Gemeinden. „Vielfach ist diese Arbeit aber bereits ausgegliedert in die Fachorganisation Caritas.“

Kirche müsse dort sein, wo die Menschen sind, forderte Elisabeth Eicke. Die Kirche in Hildesheim beschreite deshalb neue Wege, zum Beispiel mit „Nachteulengottesdiensten“ um Mittenacht in der Großstadt Hannover: „Da erreichen wir Menschen, die wir sonst nicht in die Kirche bekommen.“
„Wenn wir in Deutschland sagen: Die Kirche soll sich verändern dann meinen wir, der Bischof solle das tun“, sagte Wolfgang Thierse. „Von diesem Bild von Kirche müssen wir uns trennen.“ Laien, Priester und Bischöfe müssten gemeinsam neue Wege suchen.

„Basisgemeinden machen uns da vor, wie das gelingen kann“, meinte Elisabeth Eicke. Doch die Spiritualität der Basisgemeinden dürfe nicht frömmelnd, nach innen gerichtet sein, sondern nach außen strahlen. Dies wolle die Adveniat-Aktion 2012 aufzeigen, sagte Prälat Bernd Klaschka: Wie Basisgemeinden neue Wege in Kirche und Gesellschaft suchen. Wie sie „Im Lichte des Wortes Gottes“, so Klaschka, die Lebensrealität zu reflektieren und dann zu verbessern versuchen.

„Wenn Christen Not sehen, müssen sie handeln“, betonte auch Felix Neumann. Damit werde Kirche nicht zum „Lückenbüßer“ für den Staat. „Denn Christen müssen auch politisch handeln, müssen sich dafür einsetzen, dass die Ursachen der Not beseitigt werden“, sagte Wolfgang Thierse.

Der Abschluss des „6. Politischen Forums“ in Berlin fiel nicht negativ im Ausblick aus. Man müsse auf die Charismen der einzelnen Dienste in der Kirche setzen, hieß es von Bernd Klaschka. Und Martina Köppen meinte: „Wir werden uns in den nächsten 15 Jahren noch wundern, zu welchen Veränderungen die Kirche fähig ist.“