El Salvador |

Banden terrorisieren den Transportsektor

Wenn José Nuila seinen Dienst als Busfahrer antritt, beginnt ein langer Tag der Angst. Die 15.000 Beschäftigten des Personentransportsektors sind zur Zielscheibe der Jugendgangs "MS 13" und "Barrio 18" geworden. Die Banden haben sich längst zu professionellen Verbrecherringen entwickelt, die Auftragsmorde durchführen und ihre Finger im Drogenhandel haben.

Wer nicht genug Bargeld hat, stirbt

Wenn José Nuila seinen Dienst als Busfahrer antritt, beginnt ein langer Tag der Angst. Denn immer dann, wenn er anhält, besteht die Gefahr, dass Mitglieder krimineller Banden zusteigen. Viele seiner Kollegen haben die Begegnung nicht überlebt.

Die landesweit 15.000 Beschäftigten des Personentransportsektors sind zu einer Hauptzielscheibe der beiden Gangs ´MS 13´ und ´Barrio 18´ geworden. Die einstigen Jugendbanden haben sich längst zu professionellen Verbrecherringen entwickelt, die Auftragsmorde durchführen und ihre Finger im Drogenhandel haben.

In den letzten fünf Jahren sind nach Angaben des Transportsektors 625 Fahrer ermordet worden. "Sie töten dich, wenn du nur einen US-Dollar hast", meint dazu Nuila im IPS-Gespräch. "Kollegen mussten sterben, weil sie das Pech hatten, nicht genügend Bargeld mit sich zu führen."

Erpressung ist für die kriminellen Banden, die in Zentralamerika ´Maras´ genannt werden, ein einträgliches Geschäft. Die Transportbranche spricht von Verlusten in Höhe von 18 Millionen US-Dollar.

Armut und Ausgrenzung spielen Gangs in die Hände

Die Maras sind in den 80er Jahre in den Armenvierteln großer US-Städte wie Los Angeles und New York entstanden. Ihre Mitglieder sind ehemalige Bürgerkriegsflüchtlinge aus Nicaragua, El Salvador und Guatemala, die später von den US-Behörden in ihre Heimatländer abgeschoben wurden, wo sie sich schnell größten Zulaufs erfreuten. In den vergangenen Jahren hat sich das Rekrutierungsschema der Gangs jedoch grundlegend verändert. Inzwischen sind es nicht mehr nur Kinder und Heranwachsende, die sich hier zusammenfinden.

Etwa 70 Prozent der salvadorianischen Stadtkinder haben keine Chance, der Armut zu entrinnen, in die sie hineingeboren wurden. Das geht aus der Karte zur städtischen Armut und sozialen Ausgrenzung hervor, die das UN-Entwicklungsprogramm (UNDP) im letzten Jahr veröffentlichte. Entsprechend hoch ist der Zulauf junger Menschen zu den Maras. Für El Salvador geht man von 40.000 Jungmitgliedern aus.

Der UNDP-Bericht von 2009 zur menschlichen Entwicklung in Zentralamerika stuft die Region vor allem wegen der hohen Mordraten in Honduras, Guatemala und El Salvador als weltweit am gefährlichsten ein. Allein in El Salvador kommen auf 100.000 Einwohner 52 tödliche Gewaltverbrechen. In diesem Kontext sind auch die Morde an Transportunternehmern und Fahrern zu sehen.

Bargeld lockt die Gangster an

"Die Gangster steigen in die Busse und befehlen dir mit vorgehaltener Kanone, weiterzufahren", berichtet Nuila. "Dir bleibt gar nichts anderes übrig, als ihnen zu gehorchen. Manchmal nehmen sie das ganze Geld, manchmal nur einen Teil."

Um dem kriminellen Treiben ein Ende zu setzen, denken die Behörden über die Einführung von Fahrkarten nach, die die Fahrgäste an Vorverkaufsstellen erwerben müssen. "Denn der öffentliche Transportsektor ist vor allem deshalb für Gangster so verlockend, weil die Busfahrer Bargeld mit sich führen" erläutert El Salvadors Transportvizeminister Nelson García.

Auch fahrende Händler in Lebensgefahr


Neben den Busfahrern sind auch die fahrenden Händler, die im Auftrag ihrer Arbeitgeber von Dorf zu Dorf und Stadt zu Stadt reisen, in steter Angst, ausgeraubt und umgebracht zu werden. So wurden im Februar fünf Wasserlieferanten in Tonacatepeque im Norden von San Salvador und ein Milchproduktanbieter im zentralen Departement Libertad ermordet.

Raubüberfälle kosteten den Lieferantensektor 2006 eine Million Dollar. Im letzten Jahr gingen die Verluste allerdings um 172.000 Dollar zurück. In einigen Gebieten kommt es vor, dass die Lieferanten nur dann zu ihren Abnehmern durchgelassen werden, wenn sie zuvor ein Tagesgeld in Höhe von fünf bis zehn Dollar entrichten. Oder aber sie werden wöchentlich oder monatlich zur Kasse gebeten.

Nach Angaben des stellvertretenden Ermittlungsbeamten der Nationalen Zivilpolizei, Howard Cotto, konnten im Kampf gegen die Erpresser gute Resultate erzielt werden. Immerhin komme es in 90 Prozent aller angezeigten Fälle zu einer Festnahme und Verurteilung der Täter.

Die Arbeitskräfte laufen davon


Nach einem Angriff von Bandenmitgliedern im Juni 2010 auf ein Mikrobus-Kollektiv, bei dem 20 Menschen ums Leben kamen, verabschiedete das Parlament im darauf folgenden September ein Gesetz, dass bereits die Mitgliedschaft in einer Mara unter Strafe stellt. Bisher hat es sich jedoch als wenig wirksam herausgestellt.

Die Unsicherheit, in der die Busfahrer und Lieferanten leben, lässt den Unternehmen die Mitarbeiter ausgehen. Diejenigen, die einen Überfall überlebt haben, kommen nach ihrer Auszeit meist nicht an ihren Arbeitsplatz zurück. Und diejenigen, die einen Job als Fahrer gut gebrauchen könnten, sehen sich lieber in anderen Berufssparten um.

Autor: Edgardo Ayala in IPS Weltblick