Costa Rica |

Bald eine Frau an der Spitze?

Wenn die Umfragen recht behalten, wird Costa Rica demnächst von einer Frau geführt werden. Laura Chinchilla von der regierenden Partei der Nationalen Befreiung (PLN) dürfte demnach am Sonntag bei der Präsidentschaftswahl in dem mittelamerikanischen Land auf 45 Prozent kommen. Damit wäre nicht einmal mehr eine Stichwahl nötig, denn mit mehr als 40 Prozent gewinnt man bereits im ersten Wahlgang. Der Sieg einer Frau wäre auch schon die größte Neuerung an sich. Denn die 50jährige Politologin und Anwältin, die sich in der parteiinternen Vorwahl gegen zwei männliche Mitbewerber durchgesetzt hatte, gilt als enge Vertraute des amtierenden Staatschefs und Friedensnobelpreisträgers Oscar Arias und steht für die Kontinuität der bisherigen, liberal-sozialdemokratischen Politik. Auch ihre beiden Herausforderer sind dem Zentrum zuzuordnen, Otto Guevara ist eher rechts von der Mitte und dürfte auf 30 Prozent der Stimmen kommen, Otton Solis ein bisschen mehr links, wird Umfragen zufolge 20 Prozent erhalten. Chinchillas Vorteil gegenüber den beiden ist nicht nur die Frauenrolle, sondern dass sie in den Augen der Wähler unverbrauchter und frischer wirkt, während es für Guevara und Solis jeweils bereits der dritte Anlauf ist.

Costa Rica, die gefestigste Demokratie Mittelamerikas, die seit 1948 ohne Armee, Putsche und Bürgerkriege auskommt, ist weitgehend ausgenommen von ideologischen Grabenkämpfen, wie sie beispielsweise in El Salvador, Nicaragua und Venezuela stattfinden. Die sukzessiven Regierungen waren stärker auf sozialen Ausgleich bedacht als in den Nachbarländern, es gibt eine größere Mittelschicht und eine starke Kleinbauernbewegung und ein umfassendes soziales Netz. Stabilität, Wohlstand und ein hohes Bildungsniveau zogen Investoren an und prägten das geflügelte Wort von der „Schweiz Mittelamerikas“. Dies sind die Hauptgründe, weshalb auch der „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“ angeführt vom Venezolaner Hugo Chavez, kaum Fuß fasste in Costa Rica. Einzig die Sammelbewegung Frente Amplio vertritt ein klar linkes Profil, ihr Präsidentschaftskandidat dürfte jedoch nur einen winzigen Teil der 2,8 Millionen Wahlberechtigten überzeugen.

Entsprechend unaufgeregt und technisch verlief der Wahlkampf, den sogar Arias als „langweilig“ bezeichnete. „Weder nach rechts noch nach links, Costa Rica muss nach vorne gehen“, lautete beispielsweise einer der Slogans von Chinchilla. Guevara von der rechten Befreiungsbewegung machte die Kriminalitätsbekämpfung zu seinem Hauptthema, während Solis von der Mitte-Links Partei sein wichtigstes Argument abhanden gekommen ist: er trommelte einst gegen den Freihandelsvertrags zwischen den USA und Costa Rica. Der wurde aber per Referendum im Jahr 2007 angenommen. Solis setzt sich nun vor allem für Mittelstands- und Kleinbauernförderung, Korruptionsbekämpfung und eine Straffung der Staatsbürokratie ein. Die Bürgerbewegung, die ihn einst unterstützte und 2006 fast zum Präsidenten machte, ist inzwischen zerfallen, ein Teil ist übergelaufen zur Frente Amplio und mobilisiert gegen geplante Privatisierungen im Telekom-, Gesundheits-, Versicherungs- und Energiesektor.
Chinchilla hat langjährige politische Erfahrung, war Abgeordnete, Ministerin und Vizepräsidentin unter Arias. Ihre Popularität zeigt nach Ansicht der Soziologin Monserat Sagot, dass sich Costa Rica „emanzipiert“ hat. Mit einem eigenen, politischen Profil konnte sie bislang jedoch kaum punkten; ihre Gegner kritisieren sie deshalb als „Statthalterin der Arias-Dynastie, die neben Präsident Oscar auch noch dessen einflussreichen Bruder und Minister Rodrigo umfasst. Die Regierung der PLN sei von Korruption und Umweltskandalen geprägt, so Solis.

Zu den größten Herausforderungen des neuen Staatschefs wird neben der gestiegenen Kriminalität auch die Bewältigung der Wirtschaftskrise gehören, die 2009 zu einem Nullwachstum und entsprechend mehr Arbeitslosigkeit (8%) und Armut geführt hat. Dennoch liegt Costa Rica im lateinamerikanischen Vergleich weit vorne: nur jeder fünfte Costaricaner lebt in Armut, sonst ist es in Lateinamerika fast jeder zweite. Chinchilla hat versprochen, für mehr Investitionen zu sorgen, den Mittelstand zu fördern und sechs Prozent des Bruttoinlandsprodukts in den Bildungssektor zu investieren.


Autorin: Sandra Weiss