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"Auüergewöhnlich gefährlich"

Die diplomatische Krise zwischen Kolumbien und Venezuela dauert seit Wochen an. Nach der Entscheidung der kolumbianischen Regierung, den Streitkräften der USA den Zugang zu sieben kolumbianischen Militärstützpunkten zu ermöglichen, um das Land im Kampf gegen die Drogenkartelle zu unterstützen, ist vor allem im Grenzgebiet der südamerikanischen Nachbarländer die Stimmung angespannt. Venezuela fühlt sich bedroht, Kolumbien besteht auf seiner Unabhängigkeit. Beide Seiten haben die Präsenz von Militäreinheiten an der Grenze verstärkt.

Blickpunkt Lateinamerika sprach mit dem Bischof Jaime Prieto Amaya, dem Oberhirten des kolumbianischen Bistums Cúcuta an der venezolanischen Grenze, über die Eskalation in den vergangenen Wochen.

Wie schätzen Sie die aktuelle Situation in der Grenzregion zwischen Kolumbien und Venezuela ein?

Die Situation hat sich in der jüngsten Vergangenheit radikal verändert. Es genügt allerdings nicht, den Blick nur auf die Grenzregion zu richten. Wir müssen diese Entwicklung in einem größeren Zusammenhang sehen und auch die globale und lateinamerikanische Komponente berücksichtigen. Um die Hintergründe dieser gefährlichen Entwicklung zu begreifen, ist eine tiefgründige und ehrliche Analyse der gesamten Situation Lateinamerikas notwendig. Das fängt bei der Wirtschaftskrise an und hört bei der politischen Bewertung nicht auf.

Was meinen Sie genau damit?

Im Prinzip haben sich in Lateinamerika zwei Blöcke gebildet. Die überwiegend links regierten Länder mit Venezuela, dessen Präsident einen Führungsanspruch erhebt und auf der anderen Seite die nicht sozialistischen Länder wie Kolumbien. All das spielt bei diesem Konflikt eine Rolle. Es treffen hier verschiedene Sichtweisen aufeinander:

Kolumbien nimmt für sich in Anspruch, unabhängige, eigene Entscheidungen zu treffen. Venezuela fühlt sich bedroht. Präsident Chavez spricht von einer bevorstehenden Invasion der USA in seinem Land. Und dann gibt es auch noch die jüngsten historischen Befindlichkeiten im Drei-Länder-Eck Ecuador, Kolumbien, Venezuela.

Ist die Situation denn wirklich gefährlich oder handelt es sich nur um ein politisches Säbelrasseln?

Ich halte die Situation für außerordentlich gefährlich. In den Hauptstädten Bogotá und Caracas merken die Menschen zwar nichts von den Problemen, sieht man mal von Unternehmen ab, die auf den Handel und gute Beziehungen mit Venezuela angewiesen sind. An der Grenze sieht die Situation aber anders aus. Das Klima der Auseinandersetzungen hat dafür gesorgt, dass die Stimmung aggressiver wird und sich Kolumbianer und Venezolaner feindseliger begegnen. Es gibt immer mehr Vorfälle in der Grenzregion, die es so in den Vergangenheit nicht gegeben hat und die zur Sorge Anlass geben. Es gibt schlimme Fälle von Ausländerfeindlichkeit, teilweise behandeln sich Kolumbianer und Venezolaner gegenseitig wie Abfall.

Aber das internationale Interesse an dem Konflikt hält sich bislang in Grenzen.

Ich frage mich manchmal, wie viele Tote brauchen wir, damit sich diese Situation derart zuspitzt, so dass endlich auch der Blick der internationalen Staatengemeinschaft auf dieses ernsthafte Problem gelenkt wird. Die internationalen Organisationen wie die Vereinten Nationen oder die Organisation Amerikanischer Staaten hat sich bislang in dem Konflikt nicht eingeschaltet. Zuletzt hat es ja zwei tote venezolanische Soldaten gegeben. Wir müssen aufpassen, dass die Situation nicht weiter eskaliert und dadurch unkalkulierbar wird.

Wenn Sie die Möglichkeit hätten, direkt mit beiden Staatspräsidenten zu sprechen. Welche Botschaft hätten Sie für Àlvaro Uribe und Hugo Chàvez?

Ein Krieg bringt nur Tod und Verderben. Bei einem Krieg gibt es nur Verlierer. Wir müssen einen friedlichen Ausweg finden. Beide Präsidenten müssen sich daran erinnern, dass es sich um zwei Völker von Brüdern handelt, die vieles gemeinsam haben. Die verbale Inkontinenz der Politik muss ein Ende haben. Und der Konflikt muss entpersonalisiert werden.

Das Interview in Kolumbien führte Tobias Käufer.