Kolumbien |

Ausgegrabene Wahrheiten

Die Wahrheit kommt via Satellitenschlüssel: Auf dem weißen Kastenwagen, der auf dem Parkplatz der Generalstaatsanwaltschaft in Bogotá steht, ist eine große Empfangsantenne angebracht. Doch was aus den entlegensten Regionen Kolumbiens dank der Hilfe dieses Fahrzeugs auf die Bildschirme gesendet wird, ist für die Zuschauer alles andere als leichte Unterhaltungskost. Aufgezeichnet und übertragen werden Geständnisse von grausamen politischen Morden, brutalen Verbrechen gegen die Menschlichkeit und schreiendes Unrecht, das bis heute ungesühnt ist. Mit "mobilen Anhöreinheiten" unterstützt Deutschland ein ehrgeiziges Friedensprojekt in Kolumbien bereits seit mehr als drei Jahren. Das vom Auswärtigen Amt mit insgesamt acht Millionen Euro unterstützte Projekt, das die Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) im Land umsetzt, unterstützt einen Übergangsjustizprozess der die Kolumbianer polarisiert. Es soll mithelfen mehr als zehntausende Schicksale aufzuklären, eine gerechte Strafe auszusprechen und zugleich Wiedergutmachung zu leisten.

"Mit Hilfe der Bundesregierung können wir die kolumbianische Generalstaatsanwaltschaft mit Know-How und Ausrüstung Ausstattung unterstützen, damit die Opfer die Wahrheit erfahren und es einen Weg zur Versöhnung gibt", fasst Projektleiter Andreas Forer in Bogota das Vorhaben zusammen. Die drei Schlüsselworte des "ProFis" abgekürzten Projekts heißen Wahrheit, Wiedergutmachung und Versöhnung.

Die kolumbianische Regierung begann vor acht Jahren damit, die paramilitärischen Verbände zu entwaffnen. Im Rahmen dieses Entmilitarisierungsprozesses der illegalen Gruppen verabschiedete das Land 2005 das Gesetz "Justicia y Paz" (Gerechtigkeit und Frieden). Damit wurde der juristische Rahmen für eine Aufarbeitung der zahlreichen Menschenrechtsverletzungen seitens der Paramilitärs geschaffen. Die

Idee: Die Täter zahlreicher, politisch motivierter Gewalttaten sollen ein umfassendes Geständnis ablegen. Nur wenn sie nichts verschweigen und den Opfern eine Wiedergutmachungszahlung leisten, greift für die Täter das Gesetz, das eine Höchststrafe von acht Jahren vorsieht und Bestandteil des nationalen Versöhnungsprozesses ist.

Als viel zu gering kritisieren Menschenrechtsorganisationen das Strafmaß, selbst Massenmörder oder Massenvergewaltiger könnten so mit einer vergleichsweise geringen Strafe davonkommen. Befürworter loben dagegen die Initiative als richtigen Schritt zu einer echten Versöhnung.

Die Anzahl der Delikte ist immens: Bis vor wenigen Wochen registrierten die Behörden fast 300.000 Opfer. Und längst nicht alle Betroffenen wagen den Gang zu den Behörden, um die grausamen Verbrechen wie Folterungen, Vergewaltigung oder Mord anzuzeigen. Nach Berechnung von Experten wird die Bearbeitung aller Fälle noch Jahrzehnte in Anspruch nehmen.

Erschwert wird die Arbeit der Ermittler auch dadurch, dass in den Regionen, in den sich paramilitärische Verbände zur Entwaffnung bereit erklärten, erneut neue Gruppierungen aufgetaucht sind und erneut Angst und Schrecken verbreiten.

"Die mobilen Anhörungseinheiten dienen dazu die Verfahren zu beschleunigen und vor allem in den Regionen arbeiten zu können, die abseits der großen Städte liegen", erklärt Moqué. Der Ehrgeiz zahlt sichaus: Die Identifizierungsrate der exhumierten Toten wurde in den vergangenen Monaten von 18,5% auf 35% gesteigert. Hinter diesen trockenen Statistiken, stecken menschliche Schicksale. Mehr als 1000 Familien haben nun endlich Gewissheit, was mit einem spurlos verschwundenen Angehörigen passiert ist. Und sie haben die Gelegenheit einen Verwandten würdevoll zu beerdigen und sich endlich zu verabschieden.

Autor: Tobias Käufer