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"Aus Sternen geboren" - Ernesto Cardenal auf Lesereise

Es ist die Geschichte einer besonderen Zuneigung: Ernesto Cardenal, der „Dichterpriester“ aus Nicaragua, und sein deutsches Publikum. Zu den Kapiteln dieser Geschichte zählt beispielsweise die Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels – zu einem Zeitpunkt (1980), als Cardenal gerade ein Ministeramt in der linksgerichteten sandinistischen Regierung seines Heimatlandes übernommen hatte. Man muss auch über die Theologie der Befreiung schreiben, als deren prominenter Vertreter er gilt, über seine Suspendierung durch Johannes Paul II., sein Wirken in der ordensähnlichen Kommune auf den Solentiname-Inseln und seine Arbeit für die Kultureinrichtung „Casa de los tres mundos“ in der Stadt Granada. Das alles berührt seit Jahrzehnten die Vorstellungskraft vieler Freunde und Anhänger in Deutschland, die ihn auf Lese- und Vortragsreisen kennenlernen konnten. Seit Mitte der 90er Jahre hat Ernesto Cardenal Hunderte Konzerte gemeinsam mit den Musikern der Grupo Sal gegeben. Wird eine neue Tour angekündigt, kann man von einem starken Interesse ausgehen, das von Lyrik- und Musikfans bis zu ehemaligen Aktivisten und Sympathisanten der Nicaragua-Solidarität reicht.

„Aus Sternen geboren“ lautet der Titel der aktuellen Reise, die durch 13 Städte in Deutschland, österreich und Luxemburg führt. Diesen Titel trägt auch die neue zweibändige Gesamtausgabe von Cardenals poetischem Werk. Auf über 1.100 Seiten sind darin sämtliche Gedichte (auch bislang unveröffentlichtes Material), die Psalmen sowie das umfangreiche Opus „Cántico Cósmico“ zusammengefasst.

Gesundheitlich angeschlagener Poet

Dabei standen die Konzertlesungen offenbar auf der Kippe: Ernesto Cardenal leidet zurzeit an einer hartnäckigen Bronchitis, die ihm das Vortragen seiner Texte erschwert. Angesichts der Momente, in denen er am vergangenen Mittwochabend in der vollbesetzten Frankfurter Katharinenkirche husten musste oder in denen seine Stimme versagte, war es verständlich, dass die in vier Abschnitte unterteilte Lesung etwas kürzer geriet als geplant. Es fiel Lutz Kliche, dem langjährigen Übersetzer von Cardenals Texten, die Aufgabe zu, einen Großteil des Vortrags zu übernehmen. Nicht wenige Zuschauer dürften an das hohe Alter des charismatischen Poeten gedacht haben. Im Januar wird er 88 Jahre alt, und man hörte im Umfeld der Tournee wiederholt davon, dass dies möglicherweise seine letzte Lesereise nach Deutschland sein könnte.

Cardenals Werk: Von Liebeslyrik zur Anklage gegen Coltanabbau

Der erste Leseabschnitt führte weit zurück zu den Liebesgedichten seiner Jugendjahre. Das „Poema á Claudia“ wurde vorgelesen, ein anderes auf ein Mädchen namens Myriam. Die Liebe, die sich auf die Schönheit dieser Frauen bezog, habe ihn zu Liebe zu Gott geführt, der die Quelle der Schönheit sei, erläuterte Ernesto Cardenal. Der zweite Abschnitt konzentrierte sich auf seine politische Arbeit und auf die Anklage gegen Ungerechtigkeit und Unterdrückung. Eindrucksvoll die Zeilen, die seine Gedanken bei der Rückfahrt von einem Verhör durch die Polizei des Somoza-Regimes verarbeiteten, oder das bekannte Gedicht „Amanecer“ („Tagesanbruch“), das auf den ersten heraufziehenden Tag nach dem Sieg der Revolution verweist.

Mehrere Auszüge aus dem riesigen Textkörper „Cántico Cósmico“ bildeten den dritten Abschnitt der Lesung. „Was ist in einem Stern? Wir selbst. (…) Wir sind Sternenstaub.“ Mit großer naturwissenschaftlicher Exaktheit behandelt Cardenal darin Themen wie Evolution und biologische Verbindungslinien auf der Erde und darüber hinaus. Am Schluss standen einige jüngere Gedichte, etwa „El celular“ („Das Handy“), in dem zunächst dessen Nutzen gepriesen, dann aber auf jene Sachverhalte gezeigt wird, die den meisten Benutzern unbekannt sind: der Kampf um Coltan, aus dem die Metalle zur Weiterverarbeitung in der Mikroelektronik gewonnen werden, die Verteilungskriege in Zentralafrika, die Zerstörung des natürlichen Lebensraums der Gorillas, die Kinderarbeit.

Mehr als Untermalung: Die Musik der Grupo Sal

Zwischen den Lesungsabschnitten spielte die Grupo Sal jeweils zwei Musikstücke, die weit mehr darstellten als eine einfache Untermalung der lyrischen Texte. Die sechs Musiker aus Argentinien, Chile, Portugal und Deutschland sind auf Stücke spezialisiert, die an die vielfältigen Musiktraditionen Lateinamerikas erinnern, ohne direkte Nachahmung zu sein. So entsteht ein Sound, der oftmals nicht näher verortet werden kann, sondern wie eine verbindende Klammer wirkt, die die lateinamerikanischen Regionen und Übersee zusammenhält. Die Grupo Sal bezieht Stellung gegen soziale Missstände und setzt sich für eine gerechtere Welt ein. Im Rahmen des Konzertes warben die Musiker für die Unterstützung der Musikschule der „Casa de los tres mundos“.

Text: Thomas Völkner

(Teaserbild: Foto von Jorge Mejia)